Guten Abend, Vivus Humare! Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für ein kleines Gespräch nehmt. Zwar existiert eure Band bereits seit 2007, doch habt ihr bisher erst ein Demo namens Prolog veröffentlicht. Könnt ihr unseren Lesern vielleicht einen kleinen Einblick in den Kosmos von Vivus Humare geben und die Historie, sowie das Konzept in ein paar Sätzen erläutern?

Hallo! Zunächst einmal eine große Entschuldigung, dass du so lange auf das Interview warten musstest, aber es gab in letzter Zeit einige Hürden für uns zu nehmen und wir hofften, das Interview relativ zeitgleich mit der Veröffentlichung unseres ersten Albums abliefern zu können. Ein bestimmtes und durchgängig durchkomponiertes Konzept steht nicht hinter Vivus Humare. Die Idee hinter Vivus Humare ist wohl mit unserem Bandnamen, der übersetzt "lebendig begraben" bedeutet, am besten zu erklären. Mit den Assoziationen rund um den sowohl physischen als auch metaphorisch gemeinten psychischem Zustand baut sich der "Kosmos" Vivus Humare auf und bereitet aufgrund seiner weitgehenden Interpretationsspielräume viel Platz, um sich musikalisch und sprachlich auszutoben.

Am besten beginnen wir mit den Anfängen eures Bestehens. Aus welchen Gedanken heraus hat sich die Idee von Vivus Humare entwickelt? Wie habt ihr zueinander gefunden und welche Vorstellungen hattet ihr davon, wie die Musik später einmal klingen soll?

Skadilvari und ich musizierten schon vor der Gründung von Vivus Humare gemeinsam, aber ohne ernsthafte musikalische Ambitionen. Als Mt., Malignus, unser damaliger Sänger, und Hagal am Keyboard dazu stießen, formte sich ein festes Bandgefüge. Die musikalische Marschrichtung stand damit grob Richtung Black Metal fest, da jedes Bandmitglied andere (schwarzmetallische) musikalische Vorlieben mitbrachte. Es gab und es gibt auch heute nicht unbedingt eine feste Vorstellung, wie die Musik klingen soll. Erst beim Schreiben der Lieder stellt sich heraus, welchen Charakter die Musik dahinter hat. Dass aber jedes Lied einen eigenen Charakter hat, kann man aber als leitende Idee hinter Musik sehen. So kam ich auch auf den Namen Vivus Humare - lebendig begraben. Mit Lebendig begraben assoziiere ich eine Vielzahl von Stimmungen.

Das Demo Prolog, welches 2008 in einer kleinen Auflage erschien, war eure erste Publikation. Könnt ihr versuchen, die Musik des Demos in Worte zu fassen? Was wolltet ihr damals beim Hörer auslösen und welchen Stellenwert hat diese Veröffentlichung für euch?

Das Demo Prolog entstand im Zusammenhang mit einem Konzept, dem eine fiktive Erzählung zugrunde lag. Die Demo sollte dafür den Einstieg bilden. Aus musikalischer Sicht war es das Ziel, in Verzahnung mit dem Text die zerrissene und verzweifelte Stimmung sowie die dunkle und mystische Atmosphäre der Geschichte abzubilden, um damit ein in sich stimmiges Werk zu schaffen, das den Hörer auf die Reise mitnehmen sollte.

Prolog war darüber hinaus unser erster musikalischer Gehversuch, der - rückblickend betrachtet - größere Schwächen offenbarte und wir viele Dinge, musikalisch und aufnahmetechnisch, heute anders machen würden und jetzt auch gemacht haben. Nichtsdestotrotz versprüht Prolog einen gewissen Charme und ist insofern wichtig für uns, als dass es unseren Stand zu jener Zeit abbildet und wir die Möglichkeit des Vergleichs haben, wo wir mit Einkehr jetzt stehen.

Nach dem Demo folgte eine recht ruhige Phase, sodass es lange Zeit, zumindest für Außenstehende, wohl nicht einmal klar war, ob die Band überhaupt noch besteht. Was waren die Gründe für diesen Rückzug und was habt ihr in der Zeit gemacht? In der Zeit nach dem Demo änderte sich unser Bandgefüge. Unser damaliger Bassist und unser Keyboarder stiegen aus der Band aus. Als neuer Bassist kam Siechenhund und wir machten als Quintett weiter und schrieben neue Lieder. Daraufhin war es unser Ziel, ein Album in Eigenregie zu veröffentlichen. Erschwerend für die Aufnahmen kam aber hinzu, dass unser damaliger Sänger sich stark in eine andere Richtung entwickelte und während des Aufnahmeprozesses nicht mehr zur Verfügung stand. Notgedrungen übernahm Mt. die Stimme, zusätzlich zur Gitarre. Das daraus resultierende Bandgefüge von vier Mann (Leshiyas - Gitarre; Mt. - Gitarre, Stimme; Siechenhund - Bass; Skadilvari - Schlagzeug) bewährte sich und hielt bis April 2014. Die Fertigstellung des Albums verhinderte aber indessen ein Proberaumumzug, der sehr aufwendig war und sich über sehr lange Zeit erstreckte. Als wir uns wieder dem Album widmen konnten, stellte uns die Qualität des Materials bei weitem nicht mehr zufrieden und wir entschieden uns wohl für den schmerzhaftesten Schritt: Wir löschten das Material und nahmen das Album in veränderter Form nochmals auf. Im April 2014 musste uns Siechenhund aufgrund fehlender Zeit und Motivation verlassen. Er war derjenige, der die Aufnahmeleitung inne hatte und auch die meisten Kenntnisse in Sachen Aufnahme/Abmischen in sich vereinte. Daher war es ein schmerzhafter Verlust, den wir erst mal ausgleichen mussten.

2012 habt ihr dann mit einem Live-Auftritt in Jena ein Lebenszeichen von euch gegeben. Gab es einen besonderen Auslöser für eure erneute Aktivität oder gab es gar keine Pause im eigentlichen Sinne?

Nein, im Grunde waren wir live wie auch songwriterisch nie inaktiv. Seit 2010 bestreiten wir zumindest ein Konzert pro Jahr, wobei wir uns bisher nur im Thüringer Raum und in Leipzig bewegt haben. Zwar werden wir auch in Zukunft nicht besonders häufig auftreten, aber die Zielsetzung ist so angelegt, dass wir über unseren geographischen Tellerrand hinausgehen wollen, wenn es sich ergibt.

Wie kann man sich einen Auftritt von euch vorstellen? Und ist es euch eurer Meinung nach gelungen, die Atmosphäre eures Materials auch auf der Bühne zu vermitteln?

Ein Vivus Humare Auftritt lebt vor allem von der Musik. Wir brauchen keine Ansagen und es gilt nicht, eine Show mit Choreographien und Zuhörerbeteiligung oder ähnlichem Unsinn abzuliefern. Es geht schlicht und ergreifend darum, unsere Lieder vorzutragen. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist immer schwierig, die Atmosphäre der Musik auch live adäquat abzubilden. Das liegt zum Teil an äußeren Faktoren, wie z.B. der Soundqualität: ein schlecht abgemischtes Konzert kann alles ruinieren. Ein anderer Aspekt ist, dass man nur begrenzte Mittel auf der Bühne hat und manche Details, die es auf der Platte zu hören gibt, nicht umsetzen kann ohne größeren Aufwand. Wir hoffen natürlich dennoch, dass etwas von unserer Musik bei der Hörerschaft ankommt.

Erst vor kurzer Zeit habt ihr bestätigt, dass die Studio-Arbeiten an Gesang und Gitarre für eure kommende Veröffentlichung Einkehr abgeschlossen sind. Könnt ihr bereits ein paar konkrete Informationen dazu geben? Was sind für euch die grundlegenden Charakteristika dieser Veröffentlichung?

Äußerlich betrachtet wird Einkehr drei Lieder beinhalten, die von zwei Zwischenspielen zusammengehalten werden. Der Musik liegt die in Prolog begonnene Geschichte zugrunde. Dafür haben wir den ersten Titel von Prolog, "Der Schmerz weckt", neu aufgenommen und den Text des zweiten Stücks der Demo, "Der Wanderer", darin integriert. Die Geschichte wird daher gewissermaßen noch mal von Beginn an in neuem musikalischem Gewand erzählt und mit zwei weiteren Titeln vorangetrieben. Dieser Geschichte ist es auch geschuldet, dass sich die drei Haupttitel in ihren Grundcharakter recht deutlich voneinander unterscheiden und Einkehr damit eine abwechslungsreiche Veröffentlichung sein wird. Mittlerweile ist Einkehr komplett abgemischt und im "Temple Of Disharmony" gemastert. Erscheinen wird es unter dem Banner von "Eisenwald Tonschmiede" am 21.01.2015 auf MC/CD/Vinyl/Digital.

Das Material dieser Veröffentlichung wurde in den Jahren 2007-2009 geschrieben. Ein derartig großer Zeitraum bis zu den eigentlichen Aufnahmen ist ja doch eher ungewöhnlich. Warum habt ihr euch dennoch dazu entschlossen, das Liedgut endlich aufzunehmen? Entsprechen die Songs überhaupt noch euren heutigen Vorstellungen?

Ja, das ist richtig. Die Lieder hingen uns auch mehr oder weniger wie ein Klotz am Bein, weil wir uns nicht voll und ganz auf neue Stücke konzentrieren konnten. Es ist aber nicht so, dass wir erst in den letzten Monaten uns dazu entschlossen haben, die Stücke aufzunehmen. Tatsächlich hatten wir die Lieder Ende 2009/Beginn 2010 bereits in Eigenregie fertig aufgenommen. Danach folgte eine längere Phase des Mischens und eine längere Pause durch den oben genannten Proberaumumzug, in der wir zu dem Schluss kamen, dass die Aufnahmen nicht unseren Vorstellungen entsprachen und z.T. erhebliche Mängel existierten, von denen wir zuerst dachten, dass sie noch in irgendeiner Weise ausgebügelt werden konnten. Da das aber nicht der Fall war, entschieden wir uns im Juni 2013 für die tabula rasa und gingen recht zügig daran, alles neu aufzunehmen. Wie du es schon ansprichst, hatten wir über die Jahre hinweg den Bezug zu den Liedern größtenteils verloren, aber mit der Entscheidung neu aufzunehmen, beschäftigten wir uns wieder intensiver mit ihnen, entwickelten weitergehende Ideen und bekamen einen neuen emotionalen Draht zu ihnen, sodass wir uns heute wohl mehr als zuvor mit den Stücken identifizieren. Dennoch ist es für uns wichtig, dieses Kapitel endlich zu unserer Zufriedenheit abzuschließen, um uns der Zukunft zu widmen.

Was behandeln die Texte von Einkehr? Und wie wichtig sind diese für euch?

Die Texte auf Einkehr sind Selbstbeobachtungen und -reflexionen, Wahrnehmungen und Einsichten in die innere Gefühlswelt eines getriebenen Individuums. Und doch wabert zwischen diesen ganzen Überlegungen ein Schleier aus Fehlinterpretationen und Zerrbildern, die das Individuum nicht von der Wirklichkeit trennen kann. Die Texte zeugen von negativen Stimmungen wie Verlorenheit, Flucht, Unstetigkeit und letztlich Eskapismus. Andererseits schimmern positive Momente am Horizont wie Aufbruch, Selbstbehauptung und Stärke. Für die Thematik der existentiellen Introspektion des Individuums steht übergeordnet der Albumname Einkehr, der den Charakter der Texte unterstreicht. Die Texte bilden ein Pfeiler unserer Musik und des Konzepts und sind daher nicht einfach Ausschussware oder schmückendes Beiwerk. Mit den Texten ergibt sich auch erst die ideologische Komponente des Werks und erst mit ihnen erfasst der Hörer den "Kosmos" Vivus Humare besser. Wie viel der eine oder andere in der Band mit den einzelnen Texten in Verbindung steht, ist ganz unterschiedlich und würde auch von jedem unterschiedlich beantwortet werden.

Ihr habt stets Lieder mit einer langen Spielzeit geschrieben, die weniger auf einzelne Momente als auf die entstehende Dynamik und Stimmung bedacht sind. Warum habt ihr euch für derartige Songstrukturen entschieden?

Lange Songstrukturen ermöglichen es, der Musik und dem, was man sagen möchte, mehr Zeit zu geben sich zu entfalten. Es war uns wichtig, mit der Musik jeweils die Gefühlslandschaft abzubilden, die mit dem Text zum Leben erweckt wird. Lässt man sich darauf ein, kann man in diese Welt eintauchen und das Hier und Jetzt hinter sich lassen. Jede Wendung der Musik lässt sich so intensiver erleben. Zwar ist keines unserer Lieder auf Einkehr kürzer als acht Minuten - das längste dauert circa 13 Minuten - aber ich empfinde sie nicht als sonderlich lang oder extrem ausladend. Lange Lieder sind aus meiner Sicht immer sehr reizvoll, aber es wird in Zukunft auch Titel geben, die kürzer sind und schneller auf den Punkt kommen. Von daher haben wir uns diesbezüglich nicht festgelegt. Wenn wir denken, dass in einem Lied musikalisch und textlich alles gesagt ist, dann ist das Lied auch fertig.

Inkantator Koura von Alchemyst und Mosaic hat euch bei der Produktion des Albums in verschiedenen Bereichen unterstützt. Könnt ihr ein paar Worte über die Zusammenarbeit verlieren?

Die Zusammenarbeit mit Inkantator Koura verlief sehr unkompliziert und gewinnbringend für uns. Für das Album unterstützte er uns vor allem mit seiner Stimme und steuerte darüber hinaus auch die von ihm gesprochenen Texte bei. Außerdem stammt das Zwischenstück "In Eos‘ Antlitz" von ihm. Mit ihm haben wir einen sehr ambitionierten Künstler für Einkehr gewonnen. Seine Fähigkeit, sich in die Lieder und in das Konzept hineinzudenken, hat dazu beigetragen, Einkehr noch eigenständiger, facettenreicher und tiefer zu machen. Mittlerweile ist er bei uns als festes Bandmitglied für Bass und Background-Gesang zuständig.

Habt ihr noch mehr Material, welches für künftige Veröffentlichungen verwendet werden könnte?

Wie oben erwähnt, waren wir die letzten Jahre nicht gänzlich unproduktiv. Es gibt Lieder, die bereits fertig geschrieben sind und auf ihre Veröffentlichung auf dem nächsten Tonträger warten. Dabei verfolgen wir durchaus das Ziel, nicht wieder so viel Zeit bis zur Veröffentlichung verstreichen zu lassen. Ein exklusives Lied von uns mit dem Namen "Jenseitswahn" findet sich auf dem jüngst veröffentlichten Sampler "We Draw The Signs Of Hell With German Steel #1", der unter der Regie von Inkantator Koura entstanden ist. Eine äußerst hörenswerte Krach-Kompilation mit vielen grimmigen Höllenhymnen! "Jenseitswahn" wird sich auf der kommenden Vinylversion von Einkehr als Bonus zu finden sein.

Wie sieht die Zukunft von Vivus Humare aus? Wird es erneut eine Pause geben oder sind zumindest ein paar Live-Auftritte geplant?

Eine Pause werden wir auch jetzt nicht machen. Im November hatten wir wieder einen Auftritt im Erfurter From Hell Club. Außerdem arbeiten wir an neuen Liedern. Nachdem nun die Arbeiten an Einkehr komplett abgeschlossen sind, werden wir uns einer neuen Veröffentlichung widmen. In welcher Form die Lieder dann erscheinen, steht aber noch offen.

Im Folgenden möchte ich mit euch etwas Neues ausprobieren. Ich stelle gegensätzliche Eigenschaften von Musik auf und möchte euch bitten, das Schaffen von Vivus Humare entsprechend einzuordnen und eure Wahl zu erläutern. Ist die Musik von Vivus Humare...
...monoton oder facettenreich?

Facettenreiche Monotonie.

...eingängig oder sperrig?

Nicht leicht zu durchschauen: sperrig, dennoch mit eingängigen Melodien.

...progressiv oder konservativ?

Konservativ, weil wir mit klassischen schwarzmetallischen Stilelementen arbeiten und auch diesbezüglich nicht den Wunsch hegen, das Rad neu zu erfinden.

...negativ oder positiv?

Hauptsächlich negativ, angereichert mit scheinbar positiven Momenten.

...für digitale oder analoge Formate gemacht?

Für alle Formate gemacht. Auf die Botschaft, nicht auf das Medium kommt es an!

Ich denke, die bisherigen Fragen sollten das Wesen von Vivus Humare hinreichend eingefangen haben. Sollte euch noch etwas auf den Nägeln brennen, könnt ihr es nun loswerden. Ansonsten bedanke ich mich und wünsche euch alles Gute für die Zukunft der Band.

Vielen Dank für das Interview und die interessanten Fragen!