Hey Christian!
Schön, dass du die Zeit für ein Gespräch findest. Zuletzt unterhielten wir uns 2012 über euer Album "Nekrodepression", mit "Romantik" wurde nun vor kurzem das fünfte "Valborg"-Album veröffentlicht. In diesen drei Jahren ist sicherlich einiges in der Band und um ihr herum passiert. Diverse Konzerte, die Aufnahme des Musikvideos zu "Under The Cross" und die Auseinandersetzung mit eurem alten Material in Form der zwei Demo-Compilations sind hier nur einige Aspekte, die genannt werden können. Wie würdest du diese Zeit retrospektiv bewerten? Und hat sich durch die vielen Projekte der Stellenwert von "Valborg" für euch verändert?

Nach den Aufnahmen zu "Nekrodepression" haben wir erst mal eine Pause eingelegt und zwischendurch ein paar Konzerte gespielt. Wir haben dann schon recht früh angefangen, neues Material zu schreiben, es aber nach einem Jahr verworfen, weil es sich alles nicht richtig angefühlt hat. Die Musik war nicht schlecht, aber auch nichts Neues und wir wollten mal wieder etwas anderes machen, weil das auch zu unserer Geschichte gehört. Wir haben gelernt, dass es gut ist, die Sache loslassen zu können, dadurch hat "Valborg" immer noch den gleichen Stellenwert, aber es ist alles entspannter.

Bevor wir auf "Romantik" zu sprechen kommen, würde ich gerne vorher noch ein paar andere Dinge ansprechen, die ich teilweise auch bereits oben genannt habe. Fangen wir doch mit dem Musikvideo an. Es ist ja schon recht ungewöhnlich, dass ein so großer zeitlicher Abstand zwischen der Veröffentlichung eines Albums und der Produktion eines Musikvideos dazu liegt. Entsprechend kann man wohl davon ausgehen, dass das Video nicht als Teil einer klassischen Promo-Kampagnen zu verstehen ist, sondern eher als ein visueller Nachschub, der vor allem aus einem künstlerischen Verlangen heraus entstanden ist, richtig? Zudem wäre es schön, wenn du etwas über die Hintergründe und Ideen des Videodrehs erzählen könntest.

Du sprichst von "Under The Cross?, nehme ich an. Da war kein großer Plan dahinter. Wir wollten uns nur nicht abstressen und Soheyl sollte das Video einfach in Ruhe fertig machen. Natürlich hätte es einen guten Effekt gehabt, wenn das Video direkt zur Veröffentlichung von "Nekrodepression" am Start gewesen wäre, aber bei einer Band, wie wir es sind, ist es auch egal. Wir sind Underground und es ist nicht nötig, sich in irgendeiner Form abzustressen. Es gibt so viele Bands die das tun, obwohl es keinen Grund dafür gibt und auch niemanden interessiert, gerade in dieser Zeit der totalen Übersättigung.

Die Demo-Compilations "Demos I: Songs For A Year" und "Demos II: Radio Valborg" erschienen 2013 und 2014. Hat sich mit der Zeit eine gewisse Nachfrage nach eurem alten Material gezeigt oder gab es andere Gründe für die Veröffentlichungen? Viele Bands verleugnen ja geradezu ihre musikalischen Wurzeln und verweigern jegliche Neuveröffentlichungen ihrer Demos, da finde ich es sehr angenehm zu sehen, dass ihr damit offener umgeht.

Wir fanden es immer schade, dass die Sachen ungehört bleiben, da waren richtig gute Styles dabei, auf die wir stolz sind. Wir arbeiten ja immer aus dem Bauch heraus und so war das früher auch schon. Wir haben einfach etwas gemacht und aufgenommen und erst später analysiert man das Ganze und versteht, dass man da irgendwas Eigenes gemacht hat. Es ist ein Teil unserer Geschichte und deswegen sollte es auch mal veröffentlicht werden.

Was denkst du denn persönlich über dieses Material aus musikalischer Sicht? Natürlich ist es nicht mit euren späteren Alben zu vergleichen, aber zeichnen sich hier deiner Ansicht nach vielleicht bereits Dinge ab, die später einmal zu den wesentlichen Charakteristika von "Valborg" werden sollten?

Irgendwann 2002 haben wir die Gitarren tiefer gestimmt und da hat sich dann so der typische "Valborg"-Einsaiter-Style abgezeichnet. Irgendwie waren da "KoRn" und "Khold" eine Inspiration. Früher haben wir mehr Sachen gespielt, die wir eigentlich nicht wirklich spielen konnten. Als wir die "Glorification Of Pain" geschrieben haben, haben wir das alles über den Haufen geschmissen und nur noch Sachen gespielt, die wir wirklich konnten, weil wir ja das Album live im Studio aufnehmen wollten. Da wir nur ein begrenztes Budget hatten, konnten wir uns auch nicht mit Frickelkram aufhalten. Das war gut, weil wir da langsam angefangen haben, drüber nachzudenken, was wirklich nötig ist und was nicht.

Neben diesen Compilations wurde auch die EP "The Last Walk" deines Solo-Projektes "Owl" ausschließlich digital veröffentlicht. Die Gründe dafür sind sicherlich vor allem pragmatischer Natur, doch würde mich das Interesse seitens der Hörer dafür interessieren. Ich habe bereits von anderen Musikern gehört, dass es scheinbar sehr schwierig ist, die Leute dafür zu motivieren, für MP3s Geld auszugeben, was im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass man das eigene kreative Schaffen in Frage stellt. Ich möchte nun keine konkreten Zahlen hören, aber seid ihr generell mit den Downloadzahlen zufrieden? Bleibt das digitale Format ein weiteres Standbein der Zeitgeister Bands?

Manchmal hat man einfach keine Lust auf den ganzen Rattenschwanz und möchte einfach nur mal etwas Musik machen, es veröffentlichen und die Sache abhaken. Eine solche Perspektive macht einen auch kreativer. Dafür werden wir Bandcamp weiter nutzen. Generell sind wir zufrieden mit den Downloadzahlen.

Eure Tour mit "Ahab" und "Omega Massif" ist zwar bereits ein wenig her, doch erinnere ich mich an sehr enthusiastische Reaktionen, auch eurerseits. Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du dich an die Zeit zurückerinnerst?

Das erste Mal Nightliner. Gute Shows, gute Leute. Alles sehr entspannt. Das war einfach eine sehr schöne Tour. Ohne die Sweetboys von "Ahab" wäre das nie möglich gewesen. Wir sind ihnen sehr dankbar dafür!

Ich hingegen habe euch nur auf der Mini-Tour im Mai 2013 in Hamburg gesehen. Das war ein recht obskurer Abend, bei dem gefühlt mehr Musiker als Zuschauer im Publikum standen. Natürlich war das Konzert etwas Besonderes und es war wirklich schön, eure Songs live zu hören, doch kann ich mir vorstellen, dass etwas größere Bühnen mit entsprechender technischer Ausstattung für ein "Valborg"-Konzert doch ein wenig dankenswerter sind, oder?

Das Konzert in Hamburg war echt kultig. Ein seltsamer Abend. Ich kann mir gut vorstellen, dass es als Zuschauer Spaß macht, sich ein Konzert so anzuschauen. Hat mir auch immer Spaß gemacht. Ich habe "Red Harvest" um 2003 in Belgien gesehen, da waren vielleicht 10 Mann. Ich fand es super und hab nicht verstanden, warum die Band nach dem Konzert so abgefucked aussah. Jetzt weiß ich warum. Auf einer großen Bühne fühlst Du dich auch einfach größer und es macht Spaß, da rum zu rennen. Aber letztendlich kommt es nur auf das Publikum an - wenn da die Energie stimmt, ist es egal wie groß die Bühne ist.

Im letzten Interview sagtet ihr Folgendes(, was sehr nach Jan klingt): "Wir rasten auf der Bühne aus und lassen den Macker raushängen, alle sollen sich ficken. Im normalen Leben sind wir ganz normal und langweilig. "Valborg" ist intensiv, es ist unser Ventil, damit wir nicht über Dunkelheit labern müssen. Wir ziehen unsere Metal-Band durch und hören privat wenig Metal."
Trifft das auch heute noch auf eure Konzerte zu? Die Musik von "Romantik" wirkt auf mich eher weniger als Ventil, zumindest nicht in dem Sinne, wie man es umgangssprachlich versteht.

Das trifft immer noch zu. Mit dem "Romantik" Material ist es natürlich was anderes, das bietet jetzt nicht so die Grundlage zum Ausrasten, aber den Macker kann man immer noch raushängen lassen.

Schlagen wir so nun endlich den Bogen zu "Romantik", dem eigentlichen Anlass dieses Interviews. Dieses kann man als sehr rapiden Stilbruch verstehen, auch wenn ihr bisher schon öfter offen für Experimente wart. Dennoch ist das Album irgendwie anders, zumal es überraschend homogen ist und ganz anders als der primitive und brachiale Vorgänger wirkt. So was entwickelt sich doch nicht aus sich selbst heraus, es gab doch sicherlich einen Moment, in dem ihr euch für diesen Kurs entschlossen habt, oder?

Eigentlich nicht. Schon nach der "Barbarian" hatten wir so eine grobe Vorstellung von einem Album, was mehr Doom und Wave sein sollte. Während wir "Nekrodepression" geschrieben haben, hatten wir auch schon einen Song, der in diese Richtung geht. Davon gibt es sogar eine [[url:https://youtu.be/01x13Y314RI|Proberaumaufnahme]]. Jan hat uns irgendwann ein paar Synthesizer-Flächen gezeigt, grobe Ideen von ihm. Er dachte zuerst nicht an "Valborg", sondern an irgendein neues Projekt. Wir meinten dann zu ihm, dass wir es einfach mal versuchen sollten. Dann haben wir den ersten Song gespielt und die Sache war klar. Wir hatten ein sehr gutes Gefühl dabei und das reicht uns.

In der Summe ergeben der Titel, die Texte, das surreale, moderne Cover und die Musik ein recht seltsames Bild, es fällt schwer, "Romantik" als Ganzes einzuordnen. Wie kam es zu dieser seltsamen Mixtur? Wollt ihr den Hörer vielleicht auch ein wenig fordern und dazu motivieren, sich außerhalb der üblichen Schemata mit dem Album auseinanderzusetzen?

Über sowas denken wir gar nicht so sehr nach, von wegen den Hörer fordern und so. Wir machen einfach die Sachen, die uns gefallen. Wir haben uns noch nie Gedanken darüber gemacht, ob dieses oder jenes vielleicht besser wäre, weil es gefälliger ist.

Auch wenn ihr bestimmt schon oft darauf angesprochen wurdet, ist es einfach ein sehr wesentliches und auffälliges Novum, dass "Romantik" im Gegensatz zu den Vorgängern nicht live aufgenommen wurde. Wirklich konstruiert oder editiert klingt das Ganze dennoch nicht. Hängt das Vorgehen vielleicht auch mit der Länge einiger Songs zusammen?

Wir haben die Songs alle vorher ausgiebig geprobt. Ich denke es liegt daran. Nach all den Jahren kennen wir unseren Sound und unser Spiel und wissen, worauf es ankommt. Wir klingen auch so, weil wir nicht die perfekten Musiker sind. Das Unperfekte macht es vielleicht lebendig.

Das Album wirkt auf mich repetitiv, eindringlich, (selbst)zerstörerisch und unnahbar, oder einfacher gesagt: Ihr macht es dem Hörer wirklich schwer. Und auch ich hatte meine Probleme, mit "Romantik" warm zu werden, was natürlich auch daran liegt, dass man das Album im Kontext eurer bisherigen Diskografie rezipiert. Ehrlich gesagt hatte ich eher mit einem noch punkigeren, dreckigeren und schnelleren Album gerechnet. Erfüllt ihr ungern Erwartungen?

Schön, dass Du Dich auf das Album einlassen konntest. Wir finden es gut, Erwartungen nicht zu erfüllen. Aber der Grund, warum die "Romantik" so geworden ist, liegt daran, dass wir einfach was Neues machen wollten.

Gab es vielleicht sogar beim Songwriting Momente, bei dem ihr hinterfragt habt, ob das, was ihr da gerade spielt, wirklich zum Namen "Valborg" passt?

Als wir im "Romantik"-Songwriting steckten, hatten wir schon unsere Krise überwunden. Die Musik die wir für "Valborg" schreiben muss nur eins erfüllen: Sie muss uns das Gefühl geben "das ist "Valborg", auch wenn es total anders klingt als sonst. Für die Fans ist das natürlich schwierig, weil man einfach Bock auf den Kram hat den man von einer Band so liebt. Auf der anderen Seite sehe ich es aber auch so, dass man nicht jedes Album seiner Lieblingsband gut finden muss.

Eure Texte schienen für den Außenstehenden zwar schon immer mit Chiffren gespickt zu sein, die Texte auf "Romantik" lassen sich aber noch schwerer interpretieren, zumal es oft so ist, dass wenigen Zeilen viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Durch das ständige Wiederholen weniger Worte verliert man beim Hören fast den Bezug zum Gesungenen, die Stimme wird zu einem weiteren Instrument. Möchtet ihr damit die Texte ein wenig in den Hintergrund stellen oder vielleicht doch sogar intensivieren? Und kannst du zumindest ein paar Worte über die grundlegenden Gedanken und Konzepte hinter den Lyrics verlieren?

Mit der "Nekrodepression" haben wir unseren Weg gefunden, mit der deutschen Sprache so umzugehen, dass wir zufrieden sind. Auf der "Romantik" haben wir das fortgeführt. Wenn man solche Musik spielt und solche Gesangsstile hat, dann kann man keine ausführlichen Geschichten erzählen. Wir fühlen uns dann doof oder es klingt aufgesetzt. Die Musik von "Romantik" empfinden wir als sehr schön und wir wollten einen extremen Gegenpol mit den Texten und dem Gesang dazu bringen. Schöne Musik, extremer Gesang, Musik für Leute mit Problemen.

War es euch vorher bewusst oder habt ihr damit gerechnet, dass "Romantik" in gewisser Weise ein sperriges Album wird, an dem sich die Geister scheiden können?

Ja, das war uns klar. Aber da wir glücklich mit dem Material waren, war das egal. Es ging da um uns. Vielleicht ist es nicht das Album, um wirklich noch größer zu werden, aber es ist ein Album, was man entweder mag oder nicht, dazwischen gibt es nichts. Wir bekommen aber fast nur Gutes zu hören. Also so ganz daneben haben wir wohl nicht gelegen. Außerdem wollen wir damit zeigen: Hier wir sind "Valborg", erwartet nichts, wir werden uns immer wieder verändern, aber es bleibt für immer heavy. Für uns macht es keinen Sinn auf dieser Welt, in dieser Zeit einen auf Nummer Sicher zu machen. Was soll das bringen?

Wie versteht ihr selbst das Album aus musikalischer Sicht im Kontext eures bisherigen Schaffens?

"Romantik" ist ähnlich wie die "Barbarian", ein kompaktes und geschlossenes Album. Zwar gab es nie ein lyrisches Konzept, aber trotzdem hängt alles zusammen. Unsere anderen Alben sind wilder und bunter.

Welche Aussagekraft hat das Album in Bezug auf künftige Veröffentlichungen? Muss man jetzt mit allem rechnen, wird auf dem Stil von "Romantik" aufgebaut oder findet ihr wieder zum Sound von "Nekrodepression" zurück? Wahrscheinlich gibt es noch keine konkreten Ideen für kommende Alben, daher interessiert mich hier vor allem die Stimmung innerhalb der Band. Hast du persönlich ein grobes Gefühl, welchen Weg "Valborg" einschlagen wird?

Momentan glauben wir, dass "Romantik" erst mal für sich stehen wird und das nächste Album wieder anders klingen wird. Wir werden wohl nicht den Funeral Power Doom Style fortführen.

"Romantik" erscheint als erstes "Valborg"-Album auf dem Label Temple Of Torturous, welches vor kurzem auch die Vinyl-Version veröffentlicht hat. "Valborg" auf Vinyl. Das ist doch sicherlich ein kleiner Traum, der hier wahr wird, oder?

Auf jeden Fall. Obwohl ich selbst kein Vinyl-Sammler bin. Bei uns dreht es sich mehr um Custom Instrumente. Mittlerweile spielen Jan und ich Instrumente, die von einem guten Freund und begnadeten Instrumentenbauer - René Marquis - gebaut wurden. Das Holz ist alt und hat eine Geschichte. Die Instrumente sind weiß und klingen unglaublich.

Ihr habt gerade eine Tour durch Rumänien angekündigt, was schon ein ungewöhnliches Ziel für eine Band wie "Valborg" ist. Habt ihr spezifische Erwartungen an diese Konzerte? Und wisst ihr, ob sich euer Name in dem Land schon ein wenig herumgesprochen hat?

Wir freuen uns einfach total in einem Land zu spielen, wo vielleicht noch nicht alles so übersättigt ist und so was wie in Hamburg passiert. Aber wir lassen uns überraschen. Ich weiß nicht, ob wir in Rumänien großartig bekannt sind.

Und wenn ich dich schon mal am Wickel habe: Wird es in nächster Zeit irgendwas von den anderen Zeitgeister-Bands zu hören geben?

Mit "Owl" werde ich im Juli drei Songs digital veröffentlichen. Ansonsten arbeite ich an einem Full-Length Album. Die Drums dafür haben wir schon aufgenommen. Mit "Valborg" würden wir diesmal gerne das nächste Album zugiger veröffentlichen. Ich denke mal, dass wir nach Rumänien intensiver an neuem Material arbeiten werden. Vielleicht ergeben sich im nächsten Jahr noch ein paar krude Live-Actions. Mal schauen.

Ich bin nun am Ende meiner Fragen angekommen. Ich hoffe, dass dir die Fragen nicht zu viel Mühe bereitet habe und wünsche euch alles Gute für die kommende Zeit. Die letzten Worte gehören dir.

Vielen Dank! Es war angenehm.