Guten Abend, Herr Sjögren!
Schön, dass du dich dazu bereit erklärt hast, die folgenden Fragen zu beantworten. Wie geht es dir? Hast du unseren langen Winter gut überstanden?

Danke der Nachfrage, mir geht es gut und ich habe nicht das Gefühl, den Winter überstehen zu müssen.

Da man über dein Projekt vergleichsweise wenig Informationen findet, würde ich als erstes gerne mit dir über die Entstehungsgeschichte von "Syrgðr Skógr" sprechen. Die Gründung liegt ja nun bereits einige Jahre zurück, aber dennoch sind die ersten Schritte ja meistens ein prägnanter Moment. Welche Grundgedanken und Umstände haben dazu geführt, dass du ein solches Projekt ins Leben gerufen hast?

Damals habe ich in verschiedenen Bands gespielt und dementsprechend mit vielen verschiedenen Menschen Musik gemacht. Dabei muss man natürlich immer Kompromisse eingehen, was irgendwann bei mir das Bedürfnis geweckt hat, etwas "ganz" Eigenes zu machen. Ich hatte durch das Musizieren viele gute Einflüsse und eine Menge Inspiration sammeln können. Dazu kam, dass ich in der Zeit konsequent vegan gelebt habe und die damit verbundenen Vorstellungen sich auch in meinem kreativen Schaffen bemerkbar machten. Dies verstärkte den Wunsch nach einem Projekt, mit dem ich das, was mich beschäftigt, zum Ausdruck bringen konnte. Als letzten Punkt möchte ich noch anführen, dass ich den Anspruch hatte, möglichst alles, was ich selber machen kann, auch selber zu machen. Das Thema des Projekts ist die Zerstörung der Wälder, eigentlich ist es Protestmusik. Kurz gesagt: ich brauchte ein Projekt, das groß genug für meinen Zorn und mein Ego ist.

Normalerweise frage ich nicht nach der Bedeutung von Bandnamen, da diese oft oberflächlich und nichtssagend sind und die Antworten darauf auch entsprechend inhaltsleer. Bei einem ungewöhnlichen Namen wie "Syrgðr Skógr" drängt sich mir die Frage allerdings schon auf. Kannst du ein paar Worte über die Namensgebung verlieren?

"Syrgðr Skógr" ist altisländisch und bedeutet "Weinender Wald". Ich wollte in dem Namen zum Ausdruck bringen, worum es mir geht. Das Bild von einem Wald, der, seiner Natürlichkeit beraubt, nur mehr ein Forst ist, ein Kulturgut, eine wirtschaftliche Größe, ist für mich eine wichtige Inspirationsquelle. Ich habe nach einem Namen gesucht, der dies transportiert, ohne dabei kitschig oder flach zu klingen. Ein enger Freund, der des Altisländischen kundig ist, machte mir dann diesen Vorschlag und entwarf das Logo für mich.

Es scheint einige Kernelemente in deiner Musik zu geben, die sich wie ein roter Faden durch deine Veröffentlichungen ziehen. Das Offensichtlichste ist wohl die Natur, beziehungsweise dein Verständnis der Umwelt als fundamentaler Einfluss auf die Texte und die Herangehensweise. Nun gibt es verschiedenste Umgangsformen mit dieser Thematik, sei es eine romantische, naturalistische oder lebensphilosophische. Welche Ansichten und Ideen sind für den Stellenwert der Natur in deiner Kunst verantwortlich?

Mein Verständnis der Umwelt lässt sich kurz auf den Punkt bringen: es gibt sie nicht. Die Trennung der Welt in Mensch und Umwelt halte ich für künstlich und vor allem für giftig. Es gibt diese Trennung nicht, wir und alles, was uns umgibt, sind die Welt. Natur und Kultur scheinen sich auszuschließen und um Raum in dieser Welt zu kämpfen. Die Kultur ist dabei offensichtlich der Natur haushoch überlegen, was aber nicht bedeutet, dass sie den Kampf gewinnen wird. Schließlich gibt es keine Trennung, denn die Kultur kann nur innerhalb der Natur existieren. Diese zerstört sich also in letzter Konsequenz selbst – die Natur gewinnt immer. Dieser Kampf ist es, der meine Kunst hervorbringt. Oder besser gesagt, die Überzeugung, dass dieser Kampf nur gut enden kann, wenn wir die Trennung überwinden. In diesem Zusammenhang gibt es auch religionskritische Aspekte: Ich denke, dass die Buchreligionen mit ihren Schöpfungsmythen und dem Gedanken, es müsse eine lenkende Kraft hinter allem geben, einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu der Entfremdung bis hin zur vermeintlichen Abspaltung des Menschen von der Natur geleistet haben.

Der nächste Aspekt, der sich in deiner Musik offenbart, ist der Begriff der Ursprünglichkeit, beziehungsweise der Rückbesinnung. Sei es die Verwendung archaischer, alter Instrumente wie dem Schwirrholz, der Verzicht auf moderne äußere Gestaltungsformen oder das rohe, ungeschliffene Klangbild. Für mein subjektives Empfinden sind solche Aspekte eine Art Ruhepol in der modernen Welt, die nichts mit historischer Nostalgie zu tun haben, sondern vor allem einen individuellen Weg der Selbstfindung darstellen können. Welche Bedeutung haben diese Konzepte für dich? Oder sind diese Assoziationen von dir gar nicht gewollt?

Da stimme ich mit Dir überein. Ein kleines, augenzwinkerndes "früher war alles besser" gibt es vielleicht schon, aber im Prinzip ist mein Anspruch, dass die Musik an sich etwas Organisches, Lebendiges wird. Dies ist mit "altmodischen" Ausdrucksformen besser zu erreichen als mit diesen perfekten, überproduzierten Aufnahmen. Es soll echt klingen und sich echt anfühlen. Damit möchte ich auch ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen zu beliebig reproduzierbarer Massenware.

Die dritte Facette, die das Konzept von "Syrgðr Skógr" trägt, scheint der Einfluss der nordischen Mythologie zu sein. Der Umgang mit dieser Thematik geschieht heute von anderen Bands oft auf eine sehr oberflächliche Weise, weswegen es erfreulich zu hören ist, dass es immer noch Musiker gibt, die die Komplexität und Bedeutungskraft nicht auf Trinklieder reduzieren. Kannst du deinen eigenen Umgang mit dieser Thematik erläutern? Was hat dich dazu bewogen, Symbole und Einflüsse in deine Musik mit einzubeziehen?

Ich bin an der Ostsee aufgewachsen und lebe immer noch dort. Die nordische Kultur war mir geographisch also immer schon nah, und ich habe früh begonnen, mich mit der Mythologie zu beschäftigen. Für mich ist der Umgang mit der Welt in dieser Mythologie sehr naheliegend – Trolle, Riesen und andere Wesen sind einem mitunter näher, als einem lieb ist, wenn man sich zum Beispiel im norwegischen Fjell aufhält. Diese Mythologie scheint aus der Natur zu erwachsen und geht mit ihr auf eine sehr respektvolle und kreative Art und Weise um.

Trotz all des rustikalen Charmes findet auch die Moderne ihren Weg in deine Musik. So bekommt man elektronische Elemente beim Song "Sturz des Pferdes in die See" zu hören, und meiner Meinung nach findet sich in deinen Texten auch eine subtile Kritik, die sich nicht durch Moralpredigten, sondern durch die Darstellung aktueller Missstände wie dem Verlust der Beziehung zwischen Mensch und Natur ausdrückt. Welchen Weg hast du persönlich und künstlerisch gewählt, um mit den Umständen unserer Zeit zurecht zu kommen? Hältst du die isolierenden Ansätze der Romantik, die wohl in erster Linie auf das Seelenheil des Individuums bedacht sind, für sinnvoll, oder suchst du moderne Wege wie den Naturschutz, um die zerstörerischen Faktoren der Menschheit zu mildern?

Die Texte beschreiben häufig Erlebnisse, ohne zu einem Urteil zu kommen. Das wird dem Hörer überlassen. Ich würde sagen, das ist der Weg, den ich künstlerisch gehen möchte – dem Hörer die Möglichkeit der Erkenntnis selbst in die Hand geben. Der von Dir genannte isolierende Ansatz der Romantik ist meiner Meinung nach denkbar falsch. Der Mensch bleibt hier getrennt von der "Umwelt", die verklärt zu bewundern ihm "Balsam für die Seele" sein soll. Es handelt sich hier auch um eine Nutzbarmachung der Natur für den Zweck des Menschen. Da der Zweck des Menschen aber letztendlich nur der Zweck der Natur sein kann, ist dieser Weg falsch. Und die Romantisierung mit all den dazugehörigen Gefühlen von Ergriffenheit ob der überwältigenden Schönheit der Natur führt dazu, dass die Trennung im Bewusstsein der Menschen sich verschärft. Naturschutz ist ein schwieriges Thema. Es gibt auf jeden Fall gute Organisationen, die gute Dinge tun, aber im Prinzip ist das alles ja nur Schadensbegrenzung. Diese ist wichtig und absolut notwendig, lenkt aber auch den Blick vom eigentlichen Problem ab, nämlich der viel genannten Trennung von Mensch und "Umwelt".

Gibt es weitere Elemente, die deiner Ansicht nach für die Musik von "Syrgðr Skógr" essentiell sind?

Metal.

Das individuelle Menschenbild ist wohl nicht nur für das Leben, sondern auch für die Kunst fundamental. So scheinen Resignation und nihilistische Gedanken nicht die Grundlage deiner Veröffentlichungen zu sein. Welche Beziehung hast du zu unserer Gesellschaft und inwiefern drückt sich diese in deiner Musik aus?

Ich denke, dass ich in einer Gesellschaft von Menschen lebe, die in der überwiegenden Zahl keine freien und frei denkenden Individuen sind. Ich denke, dass diese Unfreiheit historisch kollektiv selbst verschuldet ist und dass religiöse Verblendung und Entfremdung (im Sinne von Marx) wichtige Faktoren dabei sind. Das fließt in meine Musik ein im Sinne eines "Sapere Aude!" (Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!).

Kommen wir nun endlich zu dem Anlass dieses Interviews, nämlich der Veröffentlichung deines neusten Demos "Wurzala". Hier manifestieren sich meiner Meinung nach die Aspekte, die bereits anfangs erläutert wurden, bisher am prägnantesten. "Wurzala" ist der althochdeutsche Ausdruck für Wurzel und weckt bei mir entsprechende Assoziationen wie Erd- und Naturverbundenheit, Bodenständigkeit und Heimat. Magst du die konzeptionelle Grundlage und die musikalische Umsetzung dieser Veröffentlichung erläutern?

Der Name der ersten Demo war "Walþu" (Urgermanisch für Laubwerk, Zweige, Wald). Danach ging es zur "Borke", sozusagen der Haut des Baumes. Nun tauchen wir ins Erdreich ein und betrachten die "Wurzala" (Wurzel). Es ist ein immer weiteres Vorstoßen zur Essenz: Zuerst wird das Ganze betrachtet, dann findet eine Beschäftigung mit der Thematik statt, die "unter die Haut geht". Die daraus resultierende Transformation bringt uns zum Ursprung. Die Musik und ich als Mensch haben uns hierhin entwickelt.

Inwiefern unterscheidet sich deiner Meinung nach "Wurzala" von den beiden vorherigen Demos "Borke" und "Walþu"? Hattest du vor dem Songwriting bestimmte Vorstellungen davon, in welchen Punkten sich das aktuelle Werk abheben soll?

Ich finde, das ist in der vorherigen Antwort schon erklärt.

Bei dem ersten Track des Demos verwendest du ein Schwirrholz als musikalische Untermalung. Wie bist du zu diesem Instrument gekommen? Und gibt es noch weitere Instrumente, die du zukünftig gerne in deine Musik mit einbeziehen möchtest?

Das Schwirrholz ist neben der Flöte eines der ältesten Instrumente der Welt. Ich finde den Klang sehr organisch. Die Aufnahme ist in einem Forst entstanden. So konnte ich den Forst als Resonanzraum direkt in die Musik einbeziehen. Zu weiteren Instrumenten kann ich nur sagen: Ich arbeite dran.

Seit dem "Borke"-Demo hast du auf den Einsatz eines Synthesizers verzichtet und C. Duis macht als Schlagzeuger einen Drumcomputer überflüssig. Wieso hast du dich zu dieser Instrumentalisierung entschieden und welches Klangbild strebst du an?

Dass ich Gitarren Synthesizern und ein Schlagzeug dem Drumcomputer vorziehe, liegt in der Natur der Sache. Wie gesagt, versuche ich, alles selber zu machen. So Schlagzeug zu spielen, wie ich es für die Musik haben will, übersteigt aber leider meine Fähigkeiten. Da mich der Drumcomputer bei "Walþu" gestört hat, bin ich dann den Kompromiss eingegangen, jemand anderen das Schlagzeug einspielen zu lassen, was eine gute Entscheidung war. C. Duis ist außerdem ein sehr guter Freund von mir, der auch den Aufnäher für "Wurzala" gedruckt hat und dessen Meinung ich unter anderem in Fragen der Gestaltung sehr schätze.

Wie auch die beiden vorherigen Demos, wurde "Wurzala" in Eigenregie produziert und veröffentlicht. Hast du überhaupt das Bedürfnis, deine Musik über ein professionelles Label zu publizieren, um so auch ein größeres Publikum zu erreichen? Und wo siehst du die Vor- und Nachteile deiner bisherigen Herangehensweise?

Grundsätzlich ist das Gute daran, Musik in Eigenregie zu produzieren, dass man von vorne bis hinten alles in der Hand hat. Man kann der Kreativität freien Lauf lassen und hat neben der Musik Einfluss auf die verwendeten Ressourcen und deren Herkunft, zum Beispiel das Papier für die Drucke. Ich denke aber schon über professionellen Vertrieb nach, um auf Vinyl veröffentlichen zu können.

Die letzte Frage wirft auch das Thema des Sinnes von Kunst auf. Strebst du durch das Musizieren und Veröffentlichen einen bestimmten Zweck wie das Erreichen eines Gemütszustandes an, oder ist es das Ergebnis einer inneren Motivation, die keine bestimmte Ursache und Zielsetzung kennt?

Beides ist korrekt. Für mich selber ist eine aktive Auseinandersetzung mit den oben angesprochenen Themen in meiner Musik ein Weg, mit den behandelten Konflikten umzugehen. Ein gewisses Sendungsbewusstsein spielt natürlich auch eine Rolle. Wie gesagt, es handelt sich um Protestmusik, und deren Sinn ist es ja immer, Menschen auch inhaltlich zu erreichen.

Kannst du bereits abschätzen, in welche Richtung sich "Syrgðr Skógr" in der kommenden Zeit entwickeln wird? Gibt es bestimmte Ideen oder Konzepte, die du noch gerne vertonen würdest?

Der Prozess läuft. Und es soll ja spannend bleiben...

Die äußere Gestaltung deiner Demos hebt sich von den üblichen Verpackungen im positiven Sinne ab. Durch die manufakturelle Produktion ist jedes Exemplar ein Einzelstück, was sicher ein gewisses Maß an Zeit und Muße beansprucht. Kannst du die Arbeitsschritte der Produktionen erläutern? Und welche Bedeutung hat die optische Gestaltung deiner Demos für dich?

Ich versuche, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Die Optik soll die Musik transportieren, die Musik braucht eine passende Verpackung. Eine schnöde CD-Hülle würde ihr nicht gerecht. Wie zuvor erwähnt möchte ich keine beliebig reproduzierbare Massenware veröffentlichen. Die Demos haben immer ein Konzept, das die Musik und die optische Gestaltung verbindet. Nach Fertigstellung der Musik lasse ich mich von ihr inspirieren, um eine passende äußere Gestaltung zu entwickeln. Dann fertige ich die Linolschnitte und drucke, was tatsächlich einige Zeit in Anspruch nimmt. Bei Wurzala kam zum Schluss nach dem Falten noch das Versiegeln mit Wachs. Das dauert schon ein paar Tage, wenn die Musik fertig ist brauche ich noch rund zwei Wochen.

Unterstützt wurdest du dabei von Truemmerstaub. Handelt es sich dabei um eine Art DIY-Kollektiv? Und wurden bisher nur die "Syrgðr Skógr"-Demos darüber veröffentlicht?

Truemmerstaub ist sozusagen eine Kollektivbezeichnung, eine Idee, aus der einmal etwas werden sollte, bisher aber nicht wurde. Bis vor einigen Jahren war Truemmerstaub noch eine Art Plattform für eigene musikalische Projekte. Das hat sich aber mittlerweile verlaufen. Ich nutze aber den Namen noch immer gern als eine Art Synonym für meine Musik.

Würden sich analoge Tonträger-Formate wie Tapes nicht für deine Musik anbieten? Wieso wurden die bisherigen Demos per CD-R veröffentlicht und welche Formate präferierst du privat?

Die CD habe ich allein deshalb gewählt, weil aus Erfahrung von anderen musikalischen Projekten Tapes nicht mehr die Breitenwirkung entfalten, die eine CD erreichen kann. Zwar ist die CD nur ein digitales und damit beschnittenes Abbild des analogen Klangbildes, aber immerhin verbindet sie mit meinem absolut liebstem Format, der Schallplatte, die runde Form. Hätte ich es mir aussuchen können, hätte ich alles immer auf Vinyl veröffentlicht. Eine CD ist wenigstens auch eine sich drehende Scheibe. Das Format Tape schätze ich persönlich aber auch und es gibt und wird weiterhin von anderen meiner Projekte Veröffentlichungen auf Tape geben. Hier passt es aber wegen seiner materiellen Form einfach nicht ins das optische und haptische Gesamtkonzept.

Da es von meiner Seite aus keine Fragen mehr gibt, würde ich die üblichen letzten Worte gerne ein wenig ausschmücken. Entsprechend möchte ich dich bitten, ein Bild oder ein Foto anzuhängen, das für dich und deine Musik eine besondere Bedeutung hat, und dieses zu kommentieren. Ansonsten bedanke ich mich für deine Zeit und wünsche dir alles Gute für dein Projekt und zukünftige Veröffentlichungen.

Den Dank gebe ich zurück, das war ein wirklich interessantes Interview mit herausfordernden Fragen. Fotokommentar: „Der Wald legt das Lauschen nahe“ (H.Hesse)