Guten Abend und vielen Dank dafür, dass ihr euch bereit erklärt habt, dieses Interview trotz eurer Auflösung im Jahre 2010 mit uns zu führen. Ausschlaggebend für meine Anfrage waren diverse Lebenszeichen, die ihr per Facebook verbreitet habt. So habt ihr Vinyl-Auflagen eurer kompletten Diskografie, sowie eine neue Veröffentlichung namens „Retrospektive“ und „Trugbilder“ angekündigt. Aber bevor wir uns diesen Neuigkeiten widmen, würde ich gerne am Anfang von „Nachtreich“ ansetzen, da es im Allgemeinen relativ wenig Informationen über euch zu finden gibt. Wieso habt ihr euch damals vor neun Jahren dazu entschieden, eine Band zu gründen, die Elemente klassischer Musik mit modernem Rock und Metal verbindet? Zwar gab es Bands wie „Dornenreich“ bereits damals, aber eure Musik hatte doch einen sehr individuellen Stil, den es so sehr selten zu hören gibt.

P.H. & U.K.: Guten Abend und Danke auch für dein Interesse. P.H.: Der Grund für eine Kombination aus „Klassik“ und Rock/Metal war eigentlich ganz simpel. Wir haben früher sehr viel Musik aus beiden Richtungen gehört und haben irgendwann den Entschluss dazu gefasst, eine Band zu gründen, die eben diese beiden Stile miteinander kombiniert. Einen Einfluss von Bands wie Dornenreich (die allerdings keinerlei Bezug zu unserer Musik haben) etc. hatten wir nie. Am ehesten vielleicht von alten „Apocalyptica“-Alben oder so, die zumindest ein Streichinstrument als Melodiestimme einsetzten. Unser Ziel war es von Anfang an ausschließlich durch Instrumental-Musik einen persönlichen Ausdruck zu finden und darzustellen.
U.K.: Als wir die Band gründeten, versuchten wir uns nur mit Gitarre und Bratsche an unseren ersten Songs und merkten schnell, dass wir ziemlich die gleichen Vorstellungen von Musik hatten und die Kombination aus Viola und verzerrter Gitarre Potential hatte. Das Klavier half dann dabei, die Songs komplexer und größer werden zu lassen und die Drums sorgten für die nötige Kraft und Spannung. Wichtig war es uns vor allem, eine bestimmte Stimmung einzufangen. Das spiegelt sich in unserem gesamten Werk wieder: Die Band verfolgte von Anfang an ein tief-romantisches Konzept, welches durch die Werke romantischer Dichter und Maler beflügelt wurde und an welches wir die Musik und das Artwork stets anpassten. Die Band war uns als Gesamt(kunst?)werk stets sehr wichtig.

Eure erste Veröffentlichung war das Demo „Von Dornen und Selbstmord“, welches 2006 über Seelenkrieg Records veröffentlicht worden ist. Hier waren elektronische Gitarren und Schlagzeug-Einsätze, die zusammen durchaus Verbindungen zum Black Metal erahnen lassen konnten, deutlich präsenter als es bei eurem späteren Material der Fall war. Wie wolltet ihr damals klassische und romantische Musik mit dem (Black) Metal verbinden? Sollten sich diese Stile gegenseitig ergänzen oder habt ihr die Elemente des einen Genres instrumentalisiert, um letztendlich doch nur eine erweiterte Variante des Anderen zu spielen?

P.H.: Ja „VDuS“ war unsere erste offizielle Veröffentlichung. Ich sollte vielleicht an dieser Stelle kurz erwähnen, dass wir fast alle NR Lieder, bis auf ein paar vereinzelte Solostücke im Zeitraum 2003 - 2006 aufgenommen haben. Wir waren also, was das Veröffentlichen unseres Materials anging, immer mindestens 3 Jahre hinterher. Die Gründe dafür sind verschiedenste. Meistens lag es aber an der fehlenden Zeit... Der Einfluss von (Black) Metal war bei „Von Dornen und Selbstmord“ durchaus sehr groß und beeinflusst teilweise auch noch heute unsere Musik. Bei „VDuS“ allerdings haben wir, was das Liederschreiben anging, uns eher an Formen und Strukturen von (Black) Metal/Rock Songs orientiert. Die Verbindung von klassischer Musik mit Black Metal war allerdings eher unwillkürlich als bewusst gewählt. Meist habe ich ein Lied auf dem Klavier entwickelt und U.K. vorgespielt. Zusammen haben wir dann den Song umgeschrieben, Gitarren tauglich gemacht und später eine Bratschen - Stimme darüber gelegt. Fertig! Dass es letztendlich so klang, wie es klang, lag einfach an dem Einfluss, den wir damals durch „Klassik“ und BM bekommen haben.

Inwiefern würdet ihr euch denn selbst als Künstler klassischer Musik beschreiben? Mittlerweile ist ja der Begriff Neoklassik in den Promo-Texten einiger Labels aufgetaucht, der häufig auf eure Musik angewendet wird. War diese Bezeichnung damals oder ist sie heute aus eurer Sicht zutreffend?

P.H.: Also klassische Musik ist das, was wir gemacht haben, eigentlich nicht. Dazu gehört viel mehr als nur die Verwendung von klassischen Instrumenten und stilistisch angepassten Melodien. Wir bezeichnen unsere Lieder auch nicht als Kompositionen, da sie nicht im traditionellen Sinne auskomponiert und auch nie notiert wurden. Zwar wäre es für uns kein Problem gewesen, die Lieder zu notieren und sie auch in die musiktheoretisch korrekte Ordnung zu bringen. Allerdings hätte das für uns einen großen Aufwand bedeutet, den wir damals aus zeitlichen Gründen einfach nicht auf uns nehmen wollten. Mittlerweile überlege ich, das ein oder andere Lied zu notieren, da immer wieder Anfragen für NR Noten kommen. Von meinem derzeitigen Soloprojekt „Alfred Zhann“ hingegen kann eher von „klassischer Musik“ gesprochen werden. Die Lieder hier sind zum Teil auskomponierte klassische Stücke. Wir hatten nie großes Interesse, die Musik von NR zu kategorisieren und haben es auch heute nicht. Wenn die Hörer meinen es ist „Neoklassik“, dann ist es so. Zwar halte ich von dieser Bezeichnung persönlich gar nichts, da ich NR nicht als Teil des Dark Waves oder Ähnlichem sehe, aber sei‘s drum.

2009 erschien dann „Sturmgang“, welches diverse musikalische Neuerungen mit sich brachte. Zwar habt ihr keine großen Experimente vollzogen, aber einigen Elementen, vor allem die ruhigeren Passagen, die durch die Synthese von Tasten- und Streichinstrumente dominiert werden, wurde mehr Platz eingeräumt als es noch beim Vorgänger der Fall gewesen war. Welche Punkte wolltet ihr selbst denn beim Songwriting ganz konkret ändern oder verbessern? Und inwiefern ist euch das rückblickend aus eigener Sicht gelungen?

P.H.: Konkret verbessern wollten wir eigentlich nur die Länge und Komplexität der Lieder. Sie sollten interessanter und epischer klingen als bei „VDuS“. Ich denke schon, dass es uns gelungen ist, aber diese Entscheidung sollten wir lieber den Hörern überlassen.
U.K.: Meiner Ansicht nach war das Album ein sehr großer Fortschritt im Vergleich zum Vorgänger, dessen Veröffentlichung mir persönlich schon kurz nach dem Release als Fehler erschien, da ich gar nicht damit zufrieden war. Weder mit der Musik, noch mit deren Klang. Man muss sich vorstellen, wie extrem eingeschränkt unsere Möglichkeiten damals waren. Und das waren sie auch noch bei „Sturmgang“. Die Aufnahmen der Bratsche und des Klaviers waren ohne Metronom mit einem an einen Minidisk-Player angeschlossenen (billigen) Mikrofon getätigt worden, und dann auf einen uralten Computer überspielt worden. Mit dem Ding (es hatte mächtige 256 MB Ram) haben wir dann noch die Gitarre und alles andere aufgenommen. Das Album war demnach alles andere als perfekt, und obwohl ich bei der Produktion im Nachhinein alles Machbare versucht habe, waren keine Wunder mehr möglich. Dennoch finde ich, dass man auf dem Tape die Essenz dessen hören kann, was wir erreichen wollten. Das Songwriting war deutlich ausgefeilter und v.a. hatte das Ganze etwas Eigenes und Besonderes, was mir auch noch heute daran gefällt.

Mit „Sturmgang“ habt ihr wohl einen ersten Popularitätsschub erhalten, der sich in den fast durchweg positiven Resonanzen widerspiegelte. Dennoch hat es nur für eine Tape- Veröffentlichung gereicht. Wie habt ihr damals die Reaktionen wahrgenommen und wie kam es dazu, dass „Sturmgang“ nicht in einem größeren Rahmen veröffentlicht worden ist?

P.H.: Wir haben uns ganz bewusst für eine Kassette entschieden, da dieses veraltete Medium einfach besser zum Gesamtbild und zur Stimmung von „Sturmgang“ gepasst hat. Anfragen für eine CD Veröffentlichung (die übrigens deutlich kostengünstiger zu haben ist als eine teures Tape Release, also „gereicht“ trifft es nicht ganz) hatten wir zu genüge. Natürlich waren wir auch über die positiven Reaktionen der Hörer überrascht und erfreut, was uns ja nun auch noch dazu bewogen hat, alle offiziellen NR Releases auf Vinyl wieder zu veröffentlichen. Allerdings hatten wir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Sturmgang (die Aufnahmen waren wie gesagt schon recht alt) schon ganz andere musikalische Interessen und haben Bands wie „How we leave this place“ sowie U.K‘s Projekt „Utopia Matters“ (beide zusammen mit Jörg Heemann (Secrets of the Moon)) ins Leben gerufen.
U.K.: Beim ersten Demo machten wir schon den Fehler, uns zu einer beschissenen CD-r überreden zu lassen. Das sollte uns bei Sturmgang nicht nochmal passieren. Das ganze Ding hat ja auch verdammt viel Arbeit gemacht und gerade selbstproduzierte Aufnahmen, in denen so viel Herzblut steckt, gehören wie ich finde nicht auf eine billige CD. Die einzige echte Alternative zur MC wäre Vinyl gewesen, da waren wir damals aber leider mit dem falschen Label in Kontakt.

Obwohl ihr später relativ wenig Metal-Einflüsse in eurer Musik hattet, wart ihr doch stets bei Labels, die sich auf Black Metal konzentriert haben. Woher rührt die Verbindung zu diesem Genre und deren Szene? Oder war es bloßer Zufall, dass ihr euch auf solchen Labels wiedergefunden habt?

P.H.: Dass wir vorwiegend BM Labels bevorzugt haben, lag einfach an der Stimmung unserer Stücke. Für unsere Musik gab es keine passendere Umgebung, als die des BM. Zudem gefiel uns der nichtkommerzielle Gedanke, dem die meisten Underground-BM Labels folgen.
U.K.: Außerdem gibt es diese großartige Demo-Kultur ja vor allem bei Underground-Metal Labels. Woanders kann man so eine Art Musik auch gar nicht veröffentlichen. Wir wussten auch, dass es andere Bands gab, die keinen BM machten und bei derlei Labels veröffentlichten. Als wir unser erstes Demo veröffentlichen wollten, bin ich zufällig auf die Seite von SKR gelangt und dort war gerade die Krähenkönigin EP von Nucleus Torn als Tape angekündigt. Da ich die Band liebte/liebe und der Labelinhaber offensichtlich gerne Tapes machte, veröffentlichten wir dort auch gleich unser erstes Demo. Lustigerweise wurde die NT EP dann doch nicht veröffentlicht und mit unserem Tape wurde es ja auch erstmal nichts. Aber durch die Veröffentlichung kamen dann auch zunächst nur BM Labels und Magazine mit uns in Kontakt, da es sich ja um Kleinstauflagen handelte und wir damals auch noch keine Internetpräsenz hatten, durch die man uns außerhalb dieser Szene hätte erreichen können. Ich finde das Ganze nach wie vor aber durchaus passend für die Musik von Nachtreich und man merkte, dass wir am richtigen Platz waren, da viele Metal-Hörer sofort was damit anfangen konnten, trotz des speziellen Stils.

Eure Musik lässt darauf schließen, dass ihr beide eine klassische Ausbildung an den Instrumenten erfahren habt. Da ihr aber beide mehrere Instrumente bedient, könnte man auch vermuten, dass ihr euch viel selbst beigebracht habt. Wie sieht da das Verhältnis aus und inwiefern hat eure Ausbildung euer kreatives Schaffen nachhaltig geprägt?

P.H.: U.K. und ich waren beide auf dem selben Musikinternat und haben daher beide, auch schon davor, Instrumentalunterricht in Violine und Viola/Klavier bekommen. Nach der Schule habe ich dann Viola im Hauptfach und Klavier im Nebenfach studiert. U.K. hat sich in der Zeit mehr mit der Gitarre und anderen Instrumenten auseinandergesetzt und studiert momentan freie Malerei. Wir haben bei den Aufnahmen immer wieder Instrumente dabei, die wir extra nur für diese „gelernt“ haben. Allerdings würde ich niemals behaupten, jene Instrumente richtig spielen zu können.

Kommen wir endlich zum eigentlichen Grund für dieses Interview: Die Vinyl-Veröffentlichungen eurer Alben. Dass es Re-Releases von Alben gibt, deren Bands sich bereits aufgelöst haben, ist zwar nichts Ungewöhnliches, aber dennoch lässt es ja darauf schließen, dass die damalige Musik noch immer eine Relevanz und Präsenz im gegenwärtigen Leben genießt. Inwieweit habt ihr denn jetzt mit „Nachtreich“ innerlich abgeschlossen? Kamen zwischendurch Gedanken auf, unter dem Namen erneut Musik zu machen?

P.H.: Dass es noch Interesse für uns gibt, haben wir mit Sicherheit auch unserer Bandcamp Seite zu verdanken. Auf dieser kann sich jeder alte Aufnahmen und unveröffentlichtes Material anhören und herunterladen. Von daher haben wir noch nicht 100 Prozent mit NR abgeschlossen. Es gibt noch so viele alte Ideen, die wir gerne noch mit dieser Band hätten umsetzen wollen. Nur wann? Das wird sich dann noch zeigen. Ich für meinen Teil habe jedoch noch nicht gänzlich mit NR abgeschlossen...
U.K.: Ich persönlich empfinde das Kapitel NR erstmal schon als abgeschlossen. Ich habe einfach andere musikalische Projekte, für die ich alles geben möchte und muss (im Moment v.a. Utopia Matters – ich arbeite mit Jörg an einer Single, die noch im Winter erscheinen sollte, und natürlich Himmelsrandt, wo wir hoffentlich auch noch in diesem Winter eine EP mit zwei Songs veröffentlichen können...) und ich fühle mich mit diesen Projekten auch deutlich wohler, als mit der Musik von NR. Aber auch ich finde, dass wir manche Ideen, die wir vor fast 10 Jahren hatten, noch irgendwann umsetzen sollten. Es gibt noch Songskizzen, die mich aufgrund ihrer Größe und Kraft noch immer ziemlich begeistern und ich frage mich, ob wir es jemals schaffen, diese zu veröffentlichen. Erst vor ein paar Tagen habe ich nach Ewigkeiten einen Track auf einer Festplatte entdeckt, den wir mal für ein Konzeptalbum geplant hatten, und ich war überrascht, wie viel Potential in ihm steckte. Ich könnte mir durchaus vorstellen, solche Lieder nach ein bisschen Überarbeitung des Songwritings in Studioqualität aufzunehmen und auch wenn ich mit dem stark romantischen Konzept der Band heute nicht mehr so viel anfangen kann, weiß ich doch die Qualität der alten Aufnahme-Skizzen zu schätzen und denke, man könnte mit einer guten Produktion und einem professionellen Label im Rücken deutlich mehr Menschen ansprechen, als wir es bisher vermochten. Momentan kann ich mir aber nicht vorstellen, sowas in nächster Zeit zu machen, einfach weil ich auch überhaupt keine Zeit dafür hätte und ich als freischaffender Künstler leider auch schauen muss, wo ich bleibe und man bei derlei Musik traurigerweise nur investiert und nichts zurückbekommt. Und diesen Luxus kann ich mir einfach nicht mehr leisten. Aber hey, vielleicht in 50 Jahren, wer weiß?

Kam das Interesse für die Vinyl-Veröffentlichungen von eurer Seite aus, oder hat euch ein Label kontaktiert? Da ein solches Unterfangen ja auch ein gewisses finanzielles Risiko darstellt, scheint ein großes Maß an Vertrauen und Wille zur Promotion-Arbeit dahinter zu stecken.

P.H.: Wir wollten schon immer eine Vinyl Version von unseren Demos machen und haben uns diesen Traum auch zur Aufgabe gemacht. Wir haben ein paar Labels angefragt, von denen uns auch einige zugesagt haben. Letztendlich haben wir uns für das französische Label „Cold Void Emanations“ entschieden, da ich mit dem Inhaber schon längere Zeit E-Mail Kontakt habe.

Wie werden diese Neuauflagen eurer Meinung nach bei der Hörerschaft ankommen und denkt ihr, dass sie in einem gleichen Maße neue Hörer anlocken werden, wie es bei der Veröffentlichung eines neuen Albums der Fall wäre?

P.H.: Keine Ahnung, ob es neue Hörer anlocken oder großen Anklang dafür geben wird. In erster Linie machen wir das für uns. Natürlich wollen wir auch, dass es den Leuten gefällt. Wer will das nicht... Was wir auf jeden Fall machen werden, ist eine Vinyl-Version mit diversem Bonusmaterial und neuem Artwork, so dass es sich für die Hörer auch lohnt, ein Exemplar zu kaufen. Wir überlegen sogar auch, das „VDuS“ komplett neu aufzunehmen. Aber das ist momentan nur eine Idee.

Nebst den beiden Alben habt ihr noch die Veröffentlichung von „Retrospektive“ angekündigt, was namentlich auf eine Compilation oder ein Best-Of schließen lässt. Könnt ihr ein paar Worte über Inhalt und Konzept verlieren? Und wer wird für die Tape-Veröffentlichung verantwortlich sein?

P.H.: Wie schon richtig vermutet, handelt es sich hierbei um eine Compilation von teilweise unveröffentlichten Liedern. Wir wollen mit „Retrospektive“ endlich die Zeit zwischen 2003 - 2007 abschließen und alle noch nicht veröffentlichten Lieder auf diese Kassette packen. Diese wird voraussichtlich vom Karge Welten Kunstverlag veröffentlicht. Was aber nicht vergessen werden sollte, ist das noch bevorstehende Album „Trugbilder“, dessen Musik ursprünglich nicht über den Namen „Nachtreich“ veröffentlicht werden sollte. Das Ganze sollte als Gemeinschaftsprojekt zwischen den Künstlern Gustav Glotz (Gedichte), U.K. (Bilder) und „Alfred Zhann“ (Musik und Instrumente) über das chinesische Label „Pest Productions“ erscheinen. Nach längerem Überlegen haben wir uns dann doch dazu entschlossen, es unter dem Namen „Nachtreich“ zu veröffentlichen, da die Musik doch eher diesem Stil gleichkommt, als dem, was ich mit „Alfred Zhann“ machen möchte.

Der Künstler Nicola Samori wird die Artworks eurer Vinyl-Auflagen und der Tape-Version von „Retrospektive“ gestalten. Wie kam damals der Kontakt zu Stande und wo seht ihr die verbindenden Punkte zwischen seiner Kunst und eurer Musik?

U.K.: Mit Nicolas Malerei kam ich zum ersten mal 2011 in der Berliner Galerie Christian Ehrentraut in Kontakt, in der er eine Einzelausstellung hatte. Ich war sofort von seinen Arbeiten fasziniert und als ich später einen Katalog von ihm durchblätterte, kam mir die Idee, ihn bzgl. der Re-Releases unserer Alben und dem Tape anzufragen, eher auf die Erwartung hin, dass ein derart vielbeachteter Maler wohl kaum Interesse an einer Undergroundband haben würde. Ich schickte ihm ein paar Songs und er zeigte sich wider Erwarten sogleich bereit, uns zu unterstützen, da ihm unsere Musik gefiel und er sie mit seinen Bildern verbinden konnte. Nicolas Arbeiten sind (um das mal ganz grob auf das Wesentliche runterzubrechen) wie auch unsere Musik melancholisch, romantisch, kraftvoll und zerbrechlich und ich kann es kaum erwarten, sie in Verbindung mit unserer Musik zu sehen. Sie werden die Veröffentlichungen als Gesamtkunstwerke auf ein neues Level bringen.

Um mit der Vergangenheit abzuschließen, möchte ich jetzt mit euch über euer aktuelles Projekt „Himmelsrandt“ reden. Wieso habt ihr euch dazu entschieden, unter diesem Namen weiterzumachen? Hätte es nicht gereicht, „Nachtreich“ erneut ins Leben zu rufen oder sind die musikalischen, konzeptionellen oder Line-Up-technischen Änderungen so massiv, dass das keinen Sinn gehabt hätte?

P. H.: Es hätte definitiv keinen Sinn gemacht, mit NR weiterzumachen, da die Musik von „Himmelsrandt“ in eine ganz andere Richtung geht. Bei dem Lied „Traum(a)“ auf Youtube handelt es sich übrigens um keine „Himmelsrandt“ Veröffentlichung. Das war leider ein Fehler vom Label „Pest Productions“, das uns missverstanden hat.
U.K.: „Nachtreich“ war einfach ein Projekt, für das wir uns als Jugendliche mal begeistern konnten, aber Jahre später schleppten wir immer noch die unzähligen Songs, die wir damals schrieben und aufnahmen, mit uns herum und das Ding fing an, mehr eine Last als eine Freude zu werden. Es ist nicht nur ein Name, es ist ein Konzept und ich hatte seit langem keinen Bezug mehr zu jenem und also auch nicht mehr zur Musik. Das Line-Up von „Himmelsrandt“ ist das gleiche wie bei NR. Nur werde ich dort weniger Gitarre spielen, als vielmehr elektronische Elemente beisteuern und nach wie vor für die Produktion und alles Dazugehörige zuständig sein. Die Gitarrenparts werden eher aus epischen Drone-Sounds bestehen, denn als den Metal- Klängen, die wir bei Nachtreich einsetzten. P.H. wird nach wie vor für Viola und Klavier zuständig sein. Die Musik an sich wird sich stark von der „Nachtreichs“ unterscheiden. Unser Songwriting ist natürlich weit ausgereifter und demnach sind die Songs viel zielgerichteter und ausdrucksstärker. Das ganze überflüssige Brimborium, das unsere alten Stücke sicherlich benötigten, wird durch gezielten Einsatz der jeweils nötigen Elemente ersetzt. Man kann also sagen, es wird minimalistischer, auch wenn dieser Ausdruck nicht missverstanden werden darf - schließlich sind die Lieder noch immer sehr episch und auch teils füllig instrumentiert.

Könnt ihr bereits einige Details über das kommende „Himmelsrandt“-Album verraten? Gibt es einen Arbeitstitel, ein generelles Konzept oder sogar schon eine vollständige Tracklist?

U.K.: Wir haben bisher zwei jeweils ca. zehnminütige Songs aufgenommen, die meiner Meinung nach das Beste sind, was wir jemals gemacht haben und ich denke, dass wir diese noch Ende diesen Jahres veröffentlichen werden. Nach Möglichkeit auf Vinyl, aber bisher haben wir diesbezüglich noch kein Label angesprochen, damit warten wir, bis die Produktion vollendet ist. Einen Arbeitstitel gibt es noch keinen.

Wie würdet ihr das Konzept von „Himmelsrandt“ beschreiben? Welche Kernpunkte sind es, die ihr mit eurer Musik vertonen wollt?

U.K.: Von einem Konzept zu sprechen ist momentan noch ziemlich schwierig. Wir wissen nur, dass wir Songs machen wollen, die nach wie vor auf Bratsche und Klavier aufbauen, aber durch die digitalen Elemente und das ausgereiftere Klangbild eben auch mehr „zeitgenössisch“ klingen und sich auch auf das Hier und Jetzt beziehen, nicht auf romantische Vorstellungen und Träume. Um es mal so zu sagen: es ist also Musik, die man auch bei Sonnenschein in der Stadt hören kann, nicht nur bei nächtlichen Waldspaziergängen.

Habt ihr darüber nachgedacht, zumindest für wenige Lieder einen Sänger zu involvieren? Und auf welchen Gesangsstil würdet ihr dabei am ehesten zurück greifen?

U.K.: Bei „Nachtreich“ hätte Gesang mehr zerstört, als er hätte erschaffen können, also kam dessen Einsatz nie für uns in Frage. Bei Himmelsrandt ist es aber durchaus denkbar, zumindest können wir es nicht ausschließen. Einen Gesangsstil habe ich dazu jetzt nicht im Kopf, aber wenn sich David Tibet oder Antony Hegarty aufdrängen würden, hätten wir sicher nichts dagegen ;-). Es müsste einfach jemand mit einer besonderen Ausstrahlung in der Stimme sein. Da ich bei Utopia Matters singe, ist es auch nicht ausgeschlossen, dass ich für HR ein paar Vocals beisteuere wenn nötig.

Da ihr ja auch unter dem Namen „Nachtreich“ live gespielt habt, könnte man hoffen, dass ihr auch in der Zukunft auf der Bühne zu sehen seid. Wird das in absehbarer Zukunft der Fall sein? Und wie sähe ein perfektes Konzert für „Himmelsrandt“ aus?

P.H.: Natürlich hoffen wir, mit „Himmelsrandt“ auch mal live spielen zu können. Aber das liegt momentan noch sehr weit in der Zukunft. Wenn es soweit ist, werden wir sehen, wie es aussehen wird.

Da mir an dieser Stelle keine Fragen mehr einfallen, könnt ihr hier nochmal eure letzten Gedanken niederschreiben. Ansonsten bedanke ich mich herzlichst für dieses Interview und wünsche euch alles Gute für eure Zukunft.

P.H. & U.K.: Danke auch dir für das Interview und deine Mühe. Und einen besonderen Dank an alle, die uns die letzten Jahre unterstützt haben.