Hallo Lars! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Dein Debütalbum Trollskau, skrømt og kølabrenning gehört bis heute zu meinen absoluten Genrefavoriten, insofern freue ich mich besonders über diese Möglichkeit. Zudem ist die kürzliche Veröffentlichung der neuen Single Vonde Auer der perfekte Anlass für ein Gespräch. Ich habe das Gefühl, dass Vonde Auer in vielerlei Hinsicht wichtig für Myrkgrav ist. Ich würde die Single als das stärkste Lebenszeichen seit dem Erstlingswerk bezeichnen und auch musikalisch gibt es ein paar neue Aspekte zu entdecken. Was denkst du über Vonde Auer? Ist es wirklich der Anfang von etwas Neuem?

Vonde Auer hat auf jeden Fall Neues zu bieten, es treten hier komplexere Harmonie/Melodie-Strukturen und Vocals als jemals zuvor auf. Das ist auch der Grund dafür, dass die Leute beim ersten Hördurchgang oftmals gemischte Gefühle haben. Zudem handelt es sich hierbei um den neusten Song von Myrkgrav. Das restliche unveröffentlichte Material wurden bereits ein paar Jahre zuvor geschrieben. Während man älter wird, entwickelt man charakterlich einige neue "Schichten", was sicherlich den kreativen Output und die Endergebnisse künstlerischer Aktivitäten beeinflusst. Vonde Auer repräsentiert mich heute und wo ich im Vergleich zu vor zehn Jahren stehe. Damals war ich noch ein Teenager und die Freuden und Probleme des Lebens hatten mich noch nicht zu einem nuancierten Individuum geformt. Um auf deine Frage zurückzukommen: Ich bin mir nicht sicher, ob Vonde Auer der Anfang von etwas Neuem oder doch eher das Ende von etwas Altem ist. Die Interpretation überlasse ich euch.

Was mir am meisten an Vonde Auer gefällt, ist das symbiotische Zusammenspiel der zwei Haupteinflüsse. Es verschmelzen hier Metal und Folk auf eine Weise, bei der sie nicht als adjazente Elemente, sondern als homogene Einheit dargestellt werden. Wo siehst du die verknüpfenden Aspekte der zwei Genres, die diese Art des Songwritings ermöglichen?

Das ist eine gute Frage, denn ich bin mir ehrlich gesagt gar nicht sicher, wieso das Material von Myrkgrav am Ende so klingt wie es klingt. Ich habe keinerlei theoretisches Wissen über Musik und jeder Myrkgrav-Song ist das Ergebnis vieler Experimente, Fehler und Korrekturen. Ich versuche meine Vorstellungen umzusetzen, ohne die eigentlichen "Regeln" des Prozesses zu kennen. Wenn ich mir also vornehme, Folk Metal zu machen, passiert das natürlich mit dem Vorwissen, wie norwegischer Folk und die diverse Spielarten des Metals klingen, aber das Zusammenschmelzen dieser Stile passiert eher nach zufälligen Mustern, wenn ich ehrlich bin. Ich fiedle einfach solange herum, bis das Ergebnis stimmig ist.

Würdest du deine Musik als Metal mit Folk-Einflüssen oder als Folk mit Metal-Einflüssen beschreiben? Diese Frage zielt nicht wirklich auf das musikalische Endprodukt ab, sondern auf dein Verständnis davon, wo Myrkgrav heute steht.

Schließen sich diese zwei Dinge denn gegenseitig aus? Ich finde auf jeden Fall etwas von beidem in meinen Songs, wobei die Schwerpunkte natürlich zwischen den Liedern variieren. Wenn man sich beispielsweise Fejd anhört, trifft das ziemlich genau meine Vorstellung davon, was genuiner Folk mit Metal-Einflüssen ist. Myrkgrav-Songs fangen normalerweise mit der Gitarre an, weil dies mein Hauptinstrument ist. So ist es natürlich einfacher, sich eher am Metal zu orientieren, wenn es um die Geburt eines neuen Konzeptes für ein Lied geht. Es stimmt schon, dass ich mir immer gewünscht habe, dass Myrkgrav eine genuine Mixtur aus Folk und Metal wird, aber wenn man sich dann das stereotypische Bild der Folk Musik anguckt, wird dieses Vorhaben schon sehr kompliziert. Die Frage nach der Authentizität oder der "Echtheit" ist schon per se problematisch, da alles auf etwas bereits Dagewesenem aufbaut. Intertextualität gibt es eben in allen kulturellen Phänomenen. So gesehen ist auch Pop-Musik nicht weniger Folk als alles andere, da es das Produkt eines fortlaufenden Prozesses ist, bei dem man sich mit jedem Schritt weiter von der ursprünglichen Quelle entfernt (sofern es überhaupt eine einzige Quelle gibt - oftmals findet man sehr viel mehr). Und nur weil dann etwas näher an dem ist, was man sich unter Folk Musik vorstellt, ist es nicht mehr oder weniger authentisch als beispielsweise Top-40-Mainstream-Kram. Ich schweife gerade ein wenig ab, aber was ich sagen möchte, ist, dass die romantische Idee einer "Folk Kultur" ein konstruiertes Konzept ist und Folk Musik immer noch gespielt wird... Von jedem einzelnen Musiker auf der Welt!

Die Geschichten und Mythen deiner Heimat Ringerike scheinen weiterhin die Basis der konzeptionellen Ausrichtung zu bestimmen. Könntest du dein Verhältnis zu deiner Heimat und deren Geschichten erläutern?

Das ist einfach zu beantworten. Ich stamme von einer Linie von Farmern und Bauern ab und jedes Familienmitglied bis hin zu meinem Vater hatte einen sehr ländlichen Lebensstil. Dazu kommt noch die Tatsache, dass ich in einer sehr abgeschiedenen Region aufgewachsen bin, weswegen ich schon immer Kontakt zu Folklore und Anekdoten mit landwirtschaftlichen Bezügen hatte. Und auch wenn ich heute in der modernen Welt angekommen bin, nehmen die Geschichten, die ich in meinen frühen Jahren gehört habe, einen wichtigen Teil meines Lebens ein. So ist es nur natürlich, dass diese zu der Essenz meiner Kreativität und auch von mir selbst wurden. Außerdem fühlt es sich für mich gut an, sich in alte, einfachere Zeiten zurückzuversetzen, da ich mich heute immer mehr vom ländlichen Leben (wie jeder andere auch) entferne. Andererseits bin ich auch ganz froh in der heutigen Zeit zu leben, ich weiß nicht, wie viele Jahre ich überhaupt in der damaligen Zeit überlebt hätte, haha.

Ich habe gelesen, dass du von Norwegen nach Finnland umgezogen bist. Denkst du, dass die neue Umgebung einen Einfluss auf Myrkgrav haben wird? Oder beschränkt sich Myrkgrav ausschließlich auf "norwegische Stimmungen"?

Ich glaube eher nicht. Wenn man den inneren Nationalromantiker erwecken möchte, muss man einfach nur in ein anderes Land ziehen, haha. Aber Spaß beiseite, alle nordischen Länder sind sich in Bezug auf die Geschichte der Volkskultur, die derselben Zeit und kulturellen Phänomenen entspringt, sehr ähnlich. Insofern ändert sich nicht wirklich viel an den kreativen Einflüssen. Abgesehen davon gibt es in der Bibliothek meiner Universität Tonnen von Büchern über norwegische Folklore, von denen ich nicht mal gehört hätte, wenn ich noch in meiner Heimat in Norwegen wohnen würde. Wenn überhaupt, dann hat sich der Einfluss der norwegischen Folklore sogar um das zehnfache gesteigert!

Wie ist der Kontakt zu Olav Mjelva, der die Hardanger Fiedel auf Vonde Auer spielt, entstanden? Und warum war es dir so wichtig, dieses Instrument zu integrieren und ihm sogar eine eigene Interpretation des Stückes einzuräumen?

Es fing alles an, als ich die Rohfassungen der Songs des zweiten Full Length-Albums fertigstellte. Ich merkte, dass ich die Musik um ein weiteres Element bereichern wollte. Es stellte sich allerdings heraus, dass es nicht einfach ist, über das Internet Kontakt zu Folk-Musikern aufzubauen, aber Olav, der als junger Mann einen Bezug zu den modernen Kommunikationsformen hat, meldete sich bei mir, nachdem ich in einer Facebook-Gruppe Werbung gemacht hatte. Er ist wahrscheinlich der talentierteste und professionellste Musiker, mit dem ich jemals gearbeitet habe. Und das soll was heißen, schließlich habe ich zwei Jahre lang mit dem legendären Toproom Studio gearbeitet und viele professionelle Musiker getroffen. Die Aufnahmen der Hardanger Fiedel waren nach nur zwei Tagen im Kasten. Ich musste ihm nur meine Songs vorspielen und ihm meine Vorstellungen erläutern und er setzte es dann in nur einem oder zwei Takes um. Der Grund dafür, dass ich die Hardanger Fiedel einbinden wollte, war, dass ich so der Vereinigung von traditioneller Folk Musik und zeitgenössischen Klängen näher komme. Das hatte damals noch keine andere Band in dieser Dimension gemacht, aber am Ende kamen mir dann natürlich doch einige Gruppen zuvor, lange bevor sich die Fertigstellung des Albums auch nur ansatzweise abzeichnete. Das ist für mich natürlich kein wirkliches Problem, aber ich muss zugeben, dass es schon großartig gewesen wäre, ein Pionier auf diesem spezifischen Feld zu sein, haha.

Gibt es weitere Instrumente, die du in Zukunft gerne einbauen möchtest?

Es gibt definitiv noch einige Instrumente wie die Weidenflöte, der Langeleik oder die schwedische Nyckelharpa, mit denen ich gerne noch arbeiten würde. Dabei ist es eigentlich egal, ob das unter dem Namen Myrkgrav oder mit anderen zukünftigen Projekten passiert. Ich weiß nicht, ob das jemals klappen wird, aber es wäre zumindest wünschenswert.

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig skeptisch war, als ich das Cover von Vonde Auer zum ersten Mal gesehen habe. Verstehe mich nicht falsch, das Cover sieht für sich genommen großartig aus, aber es hat schon etwas Modernes an sich, was ich bisher nicht mit der Musik von Myrkgrav in Verbindung gebracht habe. Meine Befürchtung war, dass du anfängst, extravagante, progressive Elemente in die Musik einzubauen. Aber am Ende stellte sich dann glücklicherweise heraus, dass Vonde Auer immer noch relativ bodenständig und altertümlich klingt. Abgesehen von der zeitgemäßen Produktion würde ich sagen, dass die "Modernität" von Vonde Auer eher in Relation zu deinen frühen Veröffentlichungen gesehen werden muss, nicht in Bezug auf Kunst im Allgemeinen. Oder übersehe ich hier etwas?

Das zeitgemäße Design und Layout sind definitiv nur einige Aspekte (genauso wie die Produktion und die Vocals), die mir helfen, eine Brücke zwischen Altem und Neuem zu schlagen. Ich habe eine Vorliebe für schlichte Designs, die relativ simpel gehalten sind, aber dennoch eine traditionelle Ästhetik haben. Das sieht man dem Cover wohl auch an. Es war auch das erste Mal, dass ich das komplette Layout alleine gemacht habe (abgesehen von den Illustrationen), was auch ein Grund dafür ist, dass ich hier mit dem Anspruch "weniger ist mehr" gearbeitet habe. Ich bin wirklich der Meinung, dass das Cover das einfängt, was ich mit der Musik ausdrücken möchte; einfach, aber gleichzeitig vielschichtig, der Balanceakt zwischen Melancholie und Enthusiasmus.

Würdest du daher sagen, dass es dein Anspruch ist, alte Geschichten in die Gegenwart zu holen?

Zumindest in Bezug auf Geschichten, die in irgendeiner Weise etwas Ungewöhnliches an sich haben, stimmt das schon. Wenn ich meine Bücher nach Mythen und Sagen durchsuche, versuche ich im Hinterkopf zu behalten, welche Stimmungen die einzelnen Songs vermitteln sollen. Vonde Auer hat beispielsweise eine eingängige Melodien, aber eine zugrundeliegende Melancholie, was sich entsprechend auch in den Lyrics wiederspiegelt. Der Text handelt in diesem Fall von einer Person, die im Sterben liegt, wobei die Vorgeschichte dazu relativ fröhlich ist. Andere Texte behandeln den elenden, mühsamen Alltag, einige sind sehr düster, andere lustig oder ironisch. Insgesamt versuche ich die Idee zu vermitteln, dass Folklore sehr vielschichtig ist und nicht nur die Romantisierung alter Tage sein muss.

Du hattest erwähnt, dass du keine Schreigesänge mehr einbauen kannst, weil du deine Stimme bei den alten Aufnahmen beschädigt hast. Konntest du mittlerweile einen Sprachtherapeuten aufsuchen?

Nein, die Zeit habe ich leider noch nicht gefunden. Zwischen meinen Forschungen und anderen Tätigkeiten ist es nicht immer ganz einfach, die Prioritäten zu setzen. Außerdem ist es nicht ganz optimal, einen Sprachtherapeuten aufzusuchen, der eine andere Muttersprache hat. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt funktionieren würde, haha. Zudem lebe ich derzeit in einer kleinen Wohnung in einem Studenten-Dorf, wo es absolut ausgeschlossen ist, Vocals aufzunehmen. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich noch nicht einmal, wie ich die letzten Aufnahmen für die restlichen Songs des kommenden Albums auf die Reihe kriegen soll. Die meisten Clean-Vocals werde ich sicherlich selbst einsingen, aber vielleicht wird es einen oder zwei Gastmusiker für die "anderen" Parts geben, wer weiß? ;)

Es scheint mir, dass dir das bloße Veröffentlichen deiner Musik sehr viel wichtiger als physische Formate ist. Sjuguttmyra und Vonde Auer gibt es beide nur in digitaler Form und auch dein altes Material wurde bis heute nicht neu aufgelegt. Die Vorteile dieser Vorgehensweise sind offensichtlich, aber gibt es nicht eine recht hohe Nachfrage an CD/Vinyl-Veröffentlichungen? Und glaubst du, dass zumindest das kommende Full-Length-Album seinen Weg auf die Plattenspieler der Hörer finden wird?

Ich denke, dass heute sowieso keiner weiß, welches physische Format er in zehn Jahren haben möchte, was der Grund dafür ist, weswegen ich Neuveröffentlichungen auf CD oder Vinyl recht skeptisch gegenüberstehe. Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass ich einfach nicht mehr mit Plattenfirmen arbeiten möchte. Wenn eine Band bereits jetzt das Studio selbst bezahlt und eine PR-Firma engagiert, die die Promotion übernimmt, was bleibt da noch für das Label über? Abgesehen von der Produktion des physischen Produktes, für dessen Verkauf es den Großteil der Einnahmen behält? Ich bin sicherlich aufgrund meiner negativen Erfahrungen voreingenommen, aber das ist mir einfach zu viel... Kuddelmuddel. Ich habe einfach nicht mehr die Geduld, mich mit sowas zu befassen. Daher versuche ich einfach nur die Musik zu veröffentlichen, ohne mich dabei durch Verträge beschränken zu lassen. Außerdem ist es so viel einfacher, direkt mit den Fans zu interagieren. Aber hey, wenn du ein Label kennst, das bereit wäre, ausschließlich die Produktion und Distribution zu übernehmen und den Künstler ansonsten seinen eigenen Weg gehen lässt... Wo darf ich unterzeichnen? :-)

Auch wenn es nicht wirklich "Metal" ist, über Klamotten zu reden, sind deine Promo-Fotos doch recht auffällig und repräsentieren die Klangwelt von Myrkgrav ziemlich perfekt. Sind diese Klamotten wirklich deine Alltagskleidung oder eher eine weitere Facette deiner Kunst?

Meine zwei anderen wichtigen Hobbys neben der Musik sind Skateboarden und Mode, insofern kann ich ohne jeden Zweifel sagen, dass die leicht exzentrisch anmutenden Klamotten, die man auf den Promo-Fotos von Myrkgrav sehen kann, wirklich meine Alltagskleidung sind. Ich weiß ja nicht, im "Metal" geht es ja schon darum, die individuellen Werte auszudrücken, und ich bin auf meine umfangreiche Garderobe schon ziemlich stolz, drückt sie doch genau das aus, was ich bin. So gesehen ist es schon ziemlich "Metal", wenn man sich so intensiv mit Klamotten beschäftigt. Alle Subkulturen sind darauf bedacht, Grenzen zu setzen, aber als Folklorist und Kulturforscher habe ich es aufgegeben, mich an derartigen Paradigmen zu orientieren und mache einfach das, worauf ich Lust habe. Viele meiner traditionellen Fans hören es sicherlich nicht gerne, dass ich einen Instagram-Account habe, auf dem ich hauptsächlich Fotos von Klamotten poste, aber so ist es eben. Und ich liebe es.

Mittlerweile hast du dir Unterstützung von Metalmessage PR geholt. Hast du aktiv nach Möglichkeiten gesucht, um die Leute daran zu erinnern, dass Myrkgrav immer noch existiert oder war es eher eine zufällige Begegnung? Und bereust du die Entscheidung, wenn du plötzlich massenweise Interviews zu beantworten hast? ;)

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ist es sehr schwierig, die Lücke zwischen der Single und dem letzten Album zu füllen, schließlich gab es in diesem langen Zeitraum nur wenig von mir zu hören. Vonde Auer ist ohne Zweifel das beste Material, das ich bisher zustande bekommen habe. Daher hatte ich das Gefühl, dass es angemessen wäre, dem Song ein wenig mehr Aufmerksamkeit einzuräumen, was ich allerdings alleine nicht geschafft hätte. Zudem kenne ich Markus, den Betreiber von Metalmessage PR, schon seit Jahren. Er ist ein toller Typ und hat ein riesiges Netzwerk, insofern war es nur naheliegend, mit einer Promo-Agentur zusammenzuarbeiten. Und was ich bisher mitbekommen habe, ist, dass ich wohl ein sehr ergiebiger Interview-Partner bin, zumindest habe ich zu jeder Kleinigkeit etwas zu sagen, haha.

Im letzten Jahr hast du die Geschichte von Myrkgrav als wahre Höllenfahrt bezeichnet und gesagt, dass das Ganze eventuell bald ein Ende finden wird. Denkst du wirklich, dass deine nächste Veröffentlichung auch deine letzte sein wird? Ich hatte schon den Eindruck, dass Vonde Auer Myrkgrav wieder zurück ins Leben holt, man hört zu jeder Zeit den Enthusiasmus und die Passion dahinter heraus.

Ich kann schon verstehen, weshalb dieser Eindruck entsteht, aber es muss dazu gesagt werden, dass Vonde Auer bereits seit ungefähr 2011 fertig ist. Für mich bringt der Song also nicht wirklich frischen Wind in die Angelegenheit, sondern ist einfach Bestandteil meines unveröffentlichten Repertoires. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich nicht mehr für das Lied begeistern kann. Ich denke, es ist bis heute der beste Myrkgrav-Song. Aber es muss gesagt werden, dass ich den Abschnitt meines Lebens als aktiver Musiker als mehr oder minder abgeschlossen betrachte. Vielleicht werde ich das Buch auf einer völlig anderen Seite erneut aufschlagen, aber im Moment warte ich einfach darauf, dieses riesige Projekt endlich abzuschließen, das mich nun seit acht Jahren verfolgt. Hoffentlich wird damit auch die Last von meinen Schultern fallen, damit ich mich unbeschwert in andere musikalische Sphären vorwagen kann und nicht mehr weiter ausgebremst werde.

Lass uns abschließend noch einen Blick auf die Geschichte von Myrkgrav werfen. Auch wenn man die Tracks des Demos Fra fjellheimen kaller... auf YouTube finden kann, ist mir bisher nicht eine einzige physische Kopie unter die Augen gekommen. Handelt es sich hierbei um das Ungeheuer von Loch Ness der Folk Metal-Szene?

Das ist wohl die bisher am einfachsten zu beantwortende Frage. Das Demo wurde niemals in physischer Form veröffentlicht, abgesehen von einigen gebrannten CDs, die ich an verschiedene Labels geschickt hatte. Ich hatte es einige Zeit auf meiner Homepage zum Download angeboten, aber nachdem ich mit Myrkgrav einen Plattenvertrag unterschrieben hatte und mit den Aufnahmen von Trollskau, skrømt og kølabrenning begann, wurde das Material wieder entfernt, da ich auch aktuellere Versionen des selben Materials neu aufgenommen hatte. In meinen Ohren ist das Demo aber auch nicht wirklich etwas Besonderes, man findet hier nur Bruchteile von dem, was später kommen sollte, in minderer Qualität von einem damals noch sehr unerfahrenen Musiker aufgenommen.

Die Demos Ord fra en fullmaanenatt und Over fjell og vann aus dem Jahr 2004 sind wohl noch sagenumwobener. Ich persönlich würde sie ja liebend gerne hören, wenn auch nur um einen Einblick in deine Anfangstage zu bekommen, aber dieses Material wirst du wohl niemals auf Bandcamp hochladen, richtig?

Vertraue mir, den Kram möchte wirklich niemand hören. Ich hatte sie mit einer alten Tanz-Musiksoftware namens eJay und einem einzelnen, schäbigen Kopfhörermikrofon aufgenommen und mich bei den Aufnahmen nicht mal sonderlich gut angestellt. Die Demos sind wirklich mies. Aber ich verrate dir ein kleines Geheimnis: Es gibt sogar noch eine ältere Aufnahme von mir mit dem Titel Naar Solen Gaar Ned. Im Vergleich dazu ist ein Säurebad das reinste Vergnügen.

Wo siehst du die Unterschiede zwischen 2003 und 2015 in Bezug auf dein Verständnis davon, was du mit Myrkgrav ausdrücken möchtest?

Die wesentlichsten Unterschiede sind, dass ich mich als Person weiterentwickelt und mich auch ein wenig als Musiker verbessert habe. Das alte Material klingt so wie es klingt, weil es von einem Teenager gemacht wurde, der weder die technischen Fähigkeiten hatte, noch wusste, wie man alle nötigen Elemente einbindet, um Folk Metal im engen Sinne zu machen. Sicherlich wurde hier das Fundament geschaffen und einige Schlüsselelemente findet man auch heute noch bei Myrkgrav, aber alles, was sich hinter den Szenen abspielt, sowie die Methoden der letztendlichen Ausführung haben sich schon deutlich verändert. Es wurde für mich zu einer Art Tradition, bestimmte Dinge nach bestimmten Mustern zu machen, damit es Myrkgrav genannt werden kann, auch wenn ich natürlich immer für neue Dinge offen bin, damit ich mich nicht in meiner Arbeitsweise festfahre. Worauf ich abziele, ist, dass Myrkgrav im Jahr 2015 selbstsicherer und reifer bei seinen Entscheidungen ist. Als etabliertes Projekt mit einer elfjährigen Erfolgsgeschichte habe ich nun einfach das Gefühl, das machen zu können, worauf ich verdammt noch mal Lust habe. Am Anfang eines jeden kreativen Projektes muss man sich erstmal selbst würdig erweisen, es gibt wahnsinnig viele "Regeln", die befolgt werden müssen, um Beachtung zu finden. Das findet man so in allen Subkulturen, nicht nur im Metal. Es gibt einfach immer mühsame Vorarbeiten, die geleistet werden müssen, bevor man sich wirklich entfalten kann und Entscheidungen, die für den Anfang zu kontrovers wären. Im Jahr 2015 macht und repräsentiert Myrkgrav Folk Metal, bei dem ich meine eigenen Regeln und Standards aufstellen kann, während die 2003er-Ausgabe den Richtlinien folgte, die von den Musikern vor mir aufgestellt wurden. Und hier schließt sich der Kreis vielleicht wieder.

Wie würdest du die Zeit seit der Veröffentlichung des Debütalbums Trollskau, skrømt og kølabrenning zusammenfassen?

Die Zeit war für mich eine wirklich lange Reise. Nach Fernbeziehungen, dem Kampf gegen Angstzustände und Depressionen, der langen Zeit, in der ich in der Mitte von Nirgendwo gewohnt habe, sowie dem Umzug in ein anderes Land (und der damit verbundenen Identitätskrise) kann ich wirklich mit Fug und Recht behaupten, dass der Spruch "was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker" absoluter Bullshit ist. Treffender wäre wohl: "Was dich nicht umbringt, stumpft dich weiter ab", haha. Aber ernsthaft, zynischer und ungeduldiger mit allen Formen der alltäglichen Scheiße zu werden, ist wohl ein Teil des Erwachsenwerdens. Es häufen sich mit der Zeit immer mehr Probleme und man fragt sich, wie all die anderen mit solchem Kram zurechtkommen. Ich bin zum Schluss gekommen, dass sich niemand so wirklich sicher ist, wie er das schafft, was aber auch in Ordnung ist, solange man versucht, seine Chancen auf das Glücklich-Sein zu erhöhen. Niemand möchte einfach aufgeben. Das mag jetzt sehr düster und pessimistisch klingen, aber ehrlich gesagt möchte ich weder die guten noch die schlechten Erfahrungen missen, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe. Je mehr man durchmacht, desto vielschichtiger wird man und desto mehr hat man am Ende der Welt und den Menschen um einen herum zu bieten, was mir wohl das Allerwichtigste ist.

Trollskau, skrømt og kølabrenning ist für mich immer noch ein ganz besonderes Album. Nicht weil es auf irgendeine Weise sonderlich einzigartig in Vergleich zu anderen Genre-Veröffentlichungen klingt, sondern weil man der Musik zu jederzeit anhört, dass sie mit Herz und Seele gemacht wurde. Wie denkst du heute über das Album?

Es ist schon verführerisch für mich, das Album auf den musikalischen Wert zu reduzieren und es als das zu bezeichnen, was es ist: Die Bemühungen eines Teenagers, der die besten Absichten hatte, aber nicht genau wusste, was er tat. Mittlerweile habe ich mich aber mit dem Gedanken versöhnt, dass das Album etwas ist, worauf ich stolz sein kann. Die Konzeption und Entstehung des Albums hatten einen größeren Einfluss als alles andere auf mich und ich hoffe, dass es mich eher zum Positiven gebracht hat. Jeder Moment des Albums repräsentiert Teile von mir und Abschnitte meines Lebens. Daher ist es für mich heute auch schwierig, sich das Album anzuhören, hat es doch einen hohen sentimentalen Wert für mich und weckt Dinge in Erinnerung, von denen ich mich schon weit entfernt habe. Wie dem auch sei, rein musikalisch betrachtet, würde ich schon sagen, dass das Album ein paar Juwelen beinhaltet und daher würde ich das Album liebend gerne auf eine zeitgemäße Art den Hörern zur Verfügung stellen. Ich habe bereits drei Stücke des Albums neu aufgenommen und sie auf diversen Veröffentlichungen als Bonus-Titel gepackt. Früher oder später werde ich vermutlich auch noch den Rest neu aufnehmen und dem Material seine ganz eigene Neuveröffentlichung widmen... Zumindest wünsche ich mir, dass das noch passiert.

Lars, vielen Dank für deine Zeit, es war mir eine Freude. Ich wünsche dir das Beste für deine private und künstlerische Zukunft. Die letzten Worte gehören dir.

Ach Quatsch, ich danke dir! Ohne Enthusiasten wie du und all die loyalen Fans wäre das Business ziemlich beschissen. Ich weiß nicht, wie ihr das macht. Es war mir eine Ehre, ein wenig deiner Zeit zu beanspruchen! And y’all... the album is coming. Stellt euch das mit der Stimme von Eddard Stark vor.