Moin Rüdiger, hallo Metal Witch! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Eure Heavy Metal-Gruppe wurde bereits 1985 gegründet und somit kann man euch wohl guten Gewissens als ein echtes Underground-Urgestein bezeichnen, doch seid ihr erst seit Ende der 2000er wirklich präsent. Bevor wir aber zum Kern des Gespräches kommen: Wie geht es euch? Ist im Hause Metal Witch alles in Ordnung?

Hallo! Vielen Dank für dein Interesse! Bei uns läuft alles zu unserer Zufriedenheit. Wir sind zurzeit mit Studioaufnahmen zu unserem neuen Album beschäftigt und sind bereits für 2016 auf zwei Festivals gebucht.

Fangen wir doch chronologisch mit der Gründung von Metal Witch an. Wie bereits gesagt, habt ihr 1985, also vor gut 30 Jahren, angefangen, Musik zu machen. Kannst du dich noch an die Gründung der Band erinnern? Und welche Erinnerungen und Gedanken kommen bei dir auf, wenn du zurückblickst?

Als erstes erinnere ich mich daran, dass wir alle Teenager waren. Wir hatten also die ganze Woche nach der Schule Zeit für die Band. Es gab kein Internet, drei Fernsehprogramme und die Neuigkeiten der Szene las man in Fanzines. Wir besuchten jede Menge Konzerte und kauften uns regelmäßig neue LPs und Kassetten, um die Scheiben der Freunde aufnehmen zu können. Es war eine sorglose und fantastische Zeit in der sich irgendwie bei uns alles nur um Musik drehte. Wir waren beinharte Heavy Metal-Fans, die eine Band gründeten, um es ihren Helden gleichzutun.

Nun findet man als Außenstehender nur sehr wenige bis keine Zeugnisse der Anfangstage. Laut eurer Homepage habt ihr ein paar regionale Konzerte gespielt, Demo-Aufnahmen oder ähnliches findet man aber nicht. Was hat Metal Witch in den ersten Jahren so getrieben? Gab es überhaupt eigenes Material und wurde dieses gegebenenfalls auf irgendeine Art festgehalten?

Wir hatten 14 eigene Songs und spielten nur ein paar regionale Konzerte. Die meiste Zeit waren wir in unserem Probekeller beschäftigt, in dem auch häufig Freunde zu Gast waren. Manchmal eskalierte die Probe gerne mal zur Party. Es gibt aus dieser Zeit nur ein paar Fotos, eine Übungsraumkassette mit sechs Stücken und ein Konzertvideo von 1985.

Bereits zwei Jahre nach eurer Gründung kam es zu der Auflösung eurer Band. War dies rückblickend betrachtet die richtige Entscheidung und unumgänglich? Es wäre schön, wenn du ein wenig detaillierter auf die Umstände dieses Einschnittes eingehen könntest.

Unser heißgeliebter Übungsraum wurde uns aus Eigenbedarf des Vermieters gekündigt. Wir verloren also was wir am dringendsten brauchten. Wir wechselten dann in eine Schule, dann in ein Jugendzentrum und danach in einen völlig überteuerten Bunker und schließlich fanden wir einen sehr renovierungsbedürftigen Bunker, an dem uns die Puste ausging. Wir waren mehr mit dem Renovieren als mit dem Musizieren beschäftigt. Kay musste zur Bundeswehr und für die anderen begann die erste Berufsausbildung. Es war eine schwierige Zeit für die Band. Wir sahen uns nun sehr unregelmäßig. Wir lernten neue Freunde kennen und waren uns auch nicht mehr hundertprozentig einig, in welche Richtung die Band gehen sollte. So lösten wir uns langsam auf. Als dann unser Sänger Kay in eine andere Stadt zog, verloren wir uns sogar regelrecht aus den Augen. Es war sehr schade aber irgendwie auch unausweichlich. Zum Glück gingen wir damals nicht im Streit auseinander.

Es folgte eine derart lange Pause, dass sich wohl kaum einer überhaupt an die Band erinnert hätte, wenn es nicht zu der Wiedervereinigung gekommen wäre. Hat es euch über die Jahre gar nicht in den Fingern gejuckt, mal wieder Metal zu spielen? Oder wart ihr sogar privat oder in anderen Bands produktiv?

Wir waren nach Metal Witch in vielen lokalen Bands unterwegs. Wir probierten uns auch musikalisch in anderen Stilarten aus. Von Crossover bis Punk, einer AC/DC-Coverband und sechziger instrumental Surfbeat war vieles dabei. Niemand sehnte sich in dieser Zeit nach Metal Witch. Wir waren alle stolz und glücklich auf dieses Kapitel unser Jugend, waren dann aber sehr zufrieden, in anderen Bands unser Glück gefunden zu haben. Wir spielten schließlich nun auch regelmäßiger Konzerte, machten Studioaufnahmen und beherrschten unsere Instrumente besser.

Die besagte Wiedervereinigung im Jahr 1998 kam nicht nur sehr überraschend, sondern auch in Originalbesetzung zustande. Wie habt ihr es geschafft, über all die Jahre Kontakt zu halten?

Die Originalmitglieder Ingo (Gitarre), Dietmar (Gitarre) und ich verloren eigentlich nie den Kontakt. Unsere Heimatstadt Wedel ist nicht sehr groß und so liefen wir uns regelmäßig über den Weg. Manche von uns machten ja auch gemeinsame Sache in anderen Bands nach Metal Witch. Nur unser Sänger Kay verschwand von unserem Radar, als er wegzog.

Was waren die Gründe für die erneute Zusammenkunft?

Dietmar und ich waren immer noch sehr gute Freunde und seit unser Kindheit große Kiss-Fans. Als diese dann 1996 ihre Reunion bekanntgaben, eilten wir beide zum ersten Reunion-Europa-Konzert unserer Helden nach Donington auf das Monsters Of Rock. Das Konzert löste in mir so eine Welle der Gefühle aus, dass ich zu Dietmar nach dem Konzert sagte: "So und jetzt will ich Metal Witch zurückhaben!". Die Woche darauf machten wir Nägel mit Köpfen. Wir telefonierten alle zusammen und trafen uns nach 13 Jahren zum ersten mal wieder. Wir merkten schnell, dass wir uns nicht neu beschnuppern mussten. Wir gingen wieder proben und hatten so viel Spaß wie früher, wenn nicht sogar mehr.

2002 habt ihr das Demo Ready To Burn in Eigenregie veröffentlicht. Kannst du ein paar Worte über das enthaltene Material verlieren? Und ist eine Neuveröffentlichung des Materials angedacht?

Auf Ready To Burn sind nur Eigenkompositionen erhalten. Zwei der Nummern sind sogar von 1985/1986 und zwar "Fight In The Darkness" und "Ladies In Black". Die CD wurde von uns aufgrund der hohen Nachfrage dreimal nachgepresst. Wir fanden dann aber, dass es damit genug sei. Wir möchten lieber neues Material veröffentlichen als ein altes Demo immer wieder nachzupressen. Wer es besitzt, kann sich nun glücklich schätzen, denn es ist nun offiziell "Kult". Alle Stücke des Demos gibt es regelmäßig auf unseren Konzerten zu hören, denn es sind bei unseren Fans und bei uns liebgewonnene Klassiker. Man kann das Demo seit einiger Zeit auf bandcamp.com komplett herunterladen.

In den folgenden Jahren habt ihr zwar einige Konzerte gespielt, doch kam es erst 2008 zu der Veröffentlichung eures Debütalbums Risen From The Grave. Woran liegt es, dass es so lange gedauert hat, bis ihr euer erstes Album veröffentlicht habt? Waren und sind euch Live-Auftritte einfach wichtiger als die Veröffentlichung von Tonträgern, seid ihr einfach langsame Songwriter oder waren es äußere Umstände, die den Prozess verzögert haben?

Wir haben uns lange Zeit für das Komponieren der Stücke genommen, da wir nach so langer Zeit ein Killerdebütalbum raushauen wollten. Ich finde, das ist uns ganz gut gelungen. Natürlich kam hinzu, dass wir oft und gerne Konzerte spielen wollten, da wir hier viel Nachholbedarf hatten. Außerdem wollten wir uns in der Szene etwas bekannter machen.

Ein Debütalbum ist immer etwas Besonderes für die Geschichte einer Band. Kannst du dich noch an die Veröffentlichung erinnern? Und wie fielen die damaligen Reaktionen auf das Album aus?

Es war super, die fertige CD in den Händen zu halten. Die CD wurde komplett in Eigenregie produziert. Viele Freunde waren hier tätig, um unser Debüt herzustellen. Freundschaft ist uns immer sehr wichtig. Wir sind bis heute sehr glücklich mit unserem Debüt. Es präsentiert uns meiner Meinung nach immer noch genau auf den Punkt. Heavy Metal ohne Schnörkel. So war auch die Meinung der Fans und Presse.

Die Erstveröffentlichung erfolgte ohne Label in Eigenregie. Wolltet ihr gerne die Unabhängigkeit bewahren oder habt ihr schlicht keine Plattenfirma gefunden, die das Album veröffentlichen wollte?

Das Debüt ist, wie ich schon sagte, ein Produkt unserer Freundschaft. Von der Band über Mischer und CD-Herstellung sind hier nur Freunde am Werk gewesen. Dies macht die CD zu etwas Besonderem. Allerdings sind wir auch bis heute sehr froh, keine Firma im Nacken zu haben, die uns Vorschriften macht.

Was sind deine persönlichen Favoriten des Albums? Mir persönlich gefällt "Faster Than A D-Train" ausgesprochen gut, weist er doch alle Merkmale auf, die ein guter Heavy Metal-Song benötigt, und hat diese schöne klassische Hard Rock-Schlagseite.

Meine Lieblingssongs sind ebenfalls "Faster Than A D-Train", dazu "Believe In The Power Of Rock" und "Valley Of The Kings".

2009 hat das Gründungsmitglied Dietmar die Band verlassen und wurde durch Lorenz ersetzt. Wieso kam es dazu und wie seid ihr auf Lorenz gestoßen?

Dietmar musste leider aus gesundheitlichen Gründen kürzer treten, da er mit der Band keine Konzerte mehr spielen konnte. Lorenz ist ein alter Bekannter von uns und hat schon in anderen Bands mit unserem Bassisten Thorsten gespielt. Er war für uns die erste Wahl und er hat sich sehr über das Angebot gefreut, bei uns einsteigen zu dürfen. Es ging blitzschnell, bis wir mit neuem Line-Up wieder auf der Bühne standen. Mit Dietmar bin ich immer noch gut befreundet.

Nur ein Jahr später wurde die Split Outbreak Of Metal Vol. I mit den US-amerikanischen Thrashern von Vindicator veröffentlicht. Auf den ersten Blick habt ihr eher wenig mit den Jungs von Übersee gemein. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit? Und ist der Name so zu deuten, dass ein zweiter Teil geplant ist?

Kieran von Slaney Records entdeckte uns im Netz und war von uns begeistert. Er schrieb uns an und fragte, ob wir an der Zusammenarbeit einer Split-CD interessiert seien. Wir willigten ein und es entstand Outbreak Of Metal Vol. I. Wir sind Kieran und Vindicator für diese Zusammenarbeit sehr dankbar, da sie uns international bekannter gemacht hat. Es gibt bereits mehrere Teile dieser Split-Reihe mit anderen Bands. Checkt einfach mal im Netz Slaney Records.

In den darauf folgenden Jahren habt ihr vor allem die Bühnen geentert. Gab es hier vielleicht spezielle Highlights, die du besonders hervorheben möchtest?

Das H.O.A. wird sicher immer ein Highlight für mich sein, da es mein Lieblingsfestival ist. Ansonsten haben wir wirklich unzählige von netten Menschen kennengelernt und tolle Orte gesehen, die man immer wieder besuchen möchte. Es ist ein schönes Gefühl, sich im Underground nach all den Jahren einen guten Namen gemacht zu haben. Niemand von uns hätte als Teenager im Probekeller jemals gedacht, dass wir uns mal mit Grave Digger, Hirax, Agent Steel oder Warrant die Bühne teilen würden.

Bei eurem Konzert in Hamburg habt ihr verkünde, dass ihr derzeit an eurem nächsten Album arbeitet. Ich mach es mir nun ein bisschen einfach: Bitte verrate unsern Lesern hierüber alles, was du erzählen kannst, darfst und willst.

Ich kann euch versprechen, dass es wieder ein kompromissloses 80er Heavy Metal-Album werden wird, von dem kein Metal Witch-Fan enttäuscht sein wird. Wir bekamen für alle Nummern, die wir schon vereinzelt live gespielt haben, ein sehr gutes Feedback. Wir sind noch mittendrin im Aufnahmeprozess und werden die fertige CD im Frühjahr 2016 veröffentlichen. An den Reglern sitzt wie bei Ready To Burn und Risen From The Grave unser Freund und Mastermind Jens Ballaschke. Außerdem wird es höchste Zeit, unseren neuen Gitarristen Lorenz Hoppe auf einem Tonträger zu präsentieren.

Nun haben wir die Geschichte von Metal Witch komplett aufgearbeitet und ich hoffe, dass du noch die Energie für ein paar allgemeinere Fragen hast, bevor wir dann auch zum Schluss kommen. Ihr nennt eure Musik traditionellen Heavy Metal und dem ist auch sicherlich nichts hinzuzufügen. Doch was bedeutet euch dieses Genre? Worauf kommt es euch bei der Musik am meisten an?

Wir sind damit aufgewachsen. Saxon, Iron Maiden, Judas Priest, Accept, Motörhead, W.A.S.P., Twisted Sister, die Liste ist endlos. Wir mochten den Sound, die Energie und das Tempo. 80er Heavy Metal hat für mich etwas sehr Direktes und Ehrliches. Man kann die Riffs nachvollziehen und den Refrain nach dem ersten Mal mitgrölen, ohne Musik studiert zu haben. Es war der Soundtrack unserer Jugend, dem wir bis heute treu geblieben sind.

Ihr habt bereits einmal auf dem Headbangers Open Air und einmal auf der Warm Up-Party gespielt. Das H.O.A. ist nicht nur eine wahre Festival-Perle des Nordens, sondern bietet auch vielen Heavy Metal-Bands eine Plattform, die für die breite Öffentlichkeit nicht oder nicht mehr präsent sind. Was verbindest du mit diesem Festival? Besucht ihr es auch privat?

Es ist für mich das beste Metalfestival, das ich jemals besucht habe. Ich gehe seit 2004 jedes Jahr dorthin. Ich liebe die familiäre Atmosphäre und die Tatsache, dass hier die Musik wichtiger ist als alles andere. Das Billing ist jedes Jahr unwiderstehlich und wir haben dort immer sehr viel Spaß.

Viele eurer musikalischen Wegbereiter sind immer noch aktiv und viele von ihnen können auch heute die Fans begeistern, selbst ein gesundheitlich angeschlagener Lemmy. Schaut man sich jedoch aktuelle Aufzeichnungen eines Judas Priest-Konzertes an, merkt man schon, dass Rob Halford deutlich weniger Kraft und Stimme hat. Wann ist es deiner Meinung nach nötig, als Band einen Schlussstrich zu ziehen?

Das ist schwer für mich zu beantworten. Bands sollten solange spielen dürfen, wie es ihnen Spaß macht. Wenn mir die Leistung oder der Stil der Band nicht mehr gefällt, kaufe ich mir halt kein Album mehr oder kaufe mir kein weiteres Konzertticket. Eine Band, die schon 30 Jahre plus auf dem Buckel hat, darf natürlich auch Alterserscheinungen zeigen. Ich bin auch nicht mehr der mattentragende Jungspund aus den Achtzigern und habe heute graue Haare.

Metal ist heute so facettenreich wie nie zuvor. Unzählige Sub-Genres und Entwicklungen sind zu beobachten, was für den einen spannend, für den anderen unnötig und überfordernd ist. Verfolgst du das aktuelle Geschehen oder bleibst du lieber bei dem Altbekannten?

Ich bleibe meist beim Altbekannten, habe aber immer eine kleine Antenne für neue Bands ausgefahren. Es gibt einige junge Bands die sehr guten Heavy Metal oder Thrash Metal spielen, der mich an alte Zeiten erinnert. Das macht mir dann natürlich Spaß. Es gibt aber auch noch tonnenweise unentdeckte Perlen aus den Gründertagen, die es für mich zu entdecken gilt.

Rüdiger, wir sind nun endlich am Ende des Interviews angekommen. Ich hoffe, dass dir das Beantworten nicht allzu viel Mühe bereitet hat und wünsche euch alles erdenklich Gute für die Zukunft. Der Metal braucht definitiv Bands wie euch, die durch pure Freude am Musizieren begeistern können. Die letzten Worte gehören dir.

Ich danke dir sehr für das Interview und hoffe dich demnächst mal wieder auf einem unser Konzerte begrüßen zu dürfen. Danke an alle, die Metal Witch bisher unterstützt haben. UP THE WITCHES und CHEERS TO THE UNDERGROUND!