Guten Abend, Morten! Schön, dass du dir die Zeit nimmst, ein paar Fragen über dein neues Projekt "Herne" und dein Soloprojekt "Thulr" zu beantworten. Fangen wir doch mit "Herne" an. Dabei handelt es sich um ein Projekt von dir und Sceot Acwealde, der durch sein Projekt "Symbel" dem einen oder anderen ein Begriff sein sollte. Wie kam es dazu, dieses internationale Projekt anzufangen? Was sind die spezifischen Intentionen und Themen, die ihr versucht, musikalisch umzusetzen?

Grüß Dich! Der Dank gebührt Dir für Deine Mühe und dieses Interview! Nun, Sceot und ich lernten uns während meines Auslandsaufenthaltes in England kennen. Zunächst blieben wir hauptsächlich in E-Mailkontakt. Nach und nach zeigte sich, dass wir beide ähnliche Vorstellungen zu einem musikalischen Projekt hatten und somit beschlossen wir, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Unsere Intention war und ist es, Songs und Alben aufzunehmen, die uns beiden persönlich gefallen würden, wären sie nicht von uns kreiert worden. Wir beide sind große Freunde der ersten Welle von dem, was heute unter Pagan Metal bekannt ist. Gleichzeitig mögen wir beide auch rohen, nicht glattpolierten Black Metal. Sceot bringt zusätzlich noch Erfahrungen aus seiner Punk- und Crustvergangenheit mit. Dieses ursprüngliche und geerdete Gefühl wollten wir versuchen in den Songs und der Produktion zu transportieren. Und mit "Face of the Hunter" haben wir das auch für uns zufriedenstellend erreicht und auch die Resonanz von Leuten, die das Album besitzen, geht in die gleiche Richtung. Was die Themen angeht, so war es uns beiden ein Anliegen uns mit eher unbekannteren oder eher vernachlässigten Themen des "Heidentums" oder der Folklore zu beschäftigen. "Face of the Hunter" liegen hauptsächlich angelsächsische Sagen und Bräuche zu Grunde, was aber nicht heißen soll, dass wir uns in Zukunft gänzlich auf England beschränken werden. Jedoch werden wir uns immer ein gutes Stück abseits der gängigen Themen, wie den Geschichten der beiden Edden oder allerseits bekannten Heldensagen, bewegen. Es gibt soviel mehr zu entdecken, wenn man sich die Mühe macht genauer zu hinzuschauen.

War es von Anfang an klar, in welche Richtung sich "Herne" entwickeln soll? Da Sceot Acwealde in seinem Nebenprojekt "Bretwaldas of Heathen Doom" Doom Rock fabriziert und du in deinen anderen Projekten auch verschiedene Einflüsse verarbeitet hast, wäre es ja auch möglich gewesen, mit "Herne" einen ganz anderen Weg einzuschlagen.

Nun, wie eben schon beschrieben, war der Grundgedanke recht schnell gefasst, da er unser gemeinsamer Nenner ist. Aber, es hat sich während der Zeit im Probenraum und auch hinterher gezeigt, dass wir längst noch nicht alle Ideen und Möglichkeiten ausgeschöpft haben. Ich denke, wir werden auf jeden Fall weiter testen, was bei "Herne" kompositorisch und stilistisch noch möglich ist. Ich persönlich finde, dass sich eine Art roter Faden durch das Album zieht, der aber auch Möglichkeiten zu Verknüpfungen mit andere Ideen und Spielrichtungen zulässt. Auch im Bereich rein akustischer Songs ist definitiv noch mehr möglich, da wir beide mehr Instrumente spielen können als die, die auf dem Debut zu hören sind.

Natürlich ist die Kategorisierung von Musik nicht immer einfach oder sinnvoll, aber dennoch lernt man in der Zeit die Stilmittel der eigenen favorisierten Musikrichtungen auch auf sein eigenes Schaffen anzuwenden. Welche Musikrichtungen und Bands haben den größten Einfluss auf eure Musik? Ihr habt zwar deutliche Folk Metal-Elemente, aber mit Bands wie "Korpiklaani" kann man euch wohl nicht vergleichen.

Ich gebe Dir Recht, was die Kategorisierung von Musik angeht. Wenn man sich den Begriff Pagan Metal ansieht und vergleicht, was für Musik sich derzeit darunter sammelt, so ist dieser Begriff schon wieder nur sehr schwer und mit näheren Erklärungen verständlich. Folk Metal trifft in sofern auf "Herne" zu, als dass wir uns thematisch der englischen und deutschen Folklore bedienen und auch versuchen ein wenig "traditionell" zu klingen. Aber, wie Du richtig sagst, mit "Korpiklaani" haben wir nichts gemein und wollen auch, dass das so bleibt. Diese fröhliche Feier- und Schunkelmusik ist nichts für Sceot und mich. Pagan Metal trifft es konzeptionell ebenfalls, wegen des Inhalts. Letztlich haben wir und unser Label, King Penda Prod., uns für Pagan Metal entschieden, da es die größte Schnittmenge mit dieser Musikrichtung und ihrer mehr als zehnjährigen Geschichte gibt.

Interessant finde ich, dass ihr trotz Keyboard-Passagen, Akustik-Gitarren und klarem Gesang nie dazu neigt, zu kitschig zu wirken. Habt ihr das Verhältnis zwischen rohen und ruhigen Passagen bewusst derartig gestaltet oder war es die innere Intuition, die die Musik so klingen lässt?

Ich muss sagen, dass die Songs und die Arrangements sehr natürlich zustande gekommen sind während wir sie im Probenraum gespielt und verfeinert haben. Ich bin mit den Grundideen der Songs nach Birmingham zu Sceot gekommen (einige kannte er schon von Fragmenten, die ich ihm gemailt hatte) und wir haben begonnen die Stücke zu proben. Dabei hat es sich, auf Grund unserer oben schon beschriebenen Motivation und Erfahrung, ganz einfach ergeben, dass wir bestimmte Dinge so gemacht haben, wie sie jetzt sind. So wollten wir z. B. einerseits die Akustikgitarre in den Songs haben, aber gleichzeitig auch das Keyboard mit seinem Früh- bis Mittneunziger-Klang. Wir sind dabei einfach die Songs so angegangen, wie es sich für uns richtig anfühlte.

Ein wichtiges Motiv eurer Musik ist sicherlich die subjektive Auffassung der Natur. Sind die Landschaften von Birmingham und Schleswig-Holstein überhaupt musikalisch unter einen Hut zu bringen oder geht es um einen viel größeren, pantheistischen Ansatz, den ihr verfolgt?

Die West Midlands sind auf jeden Fall hügeliger als der Großteil Schleswig-Holsteins, aber wenn man ca. 100 km weiter nach Osten fährt, so ähneln sich Suffolk, East Anglia sowie Teile Essex und Schleswig-Holstein schon. Aber letztlich bringt ja auch die Abwechslung in Sachen Berge, Wälder, Küsten eine nicht zu verachtende Möglichkeit der musikalischen Umsetzung mit sich.

Euer Logo ist meiner Meinung nach sehr gelungen. Kannst du ein paar Wörter über dessen Ursprung und die Motive, die darin zu erkennen sind, verlieren?

Unser Logo, welches von unserem guten Freund blotan geschaffen wurde, zeigt Herne the Hunter und basiert auf einer Einstellung aus der '80er Fernsehserie "Robin auf Sherwood" wohl auch der Grund, warum wir so häufig mit dieser Serie in Verbindung gebracht werden. Hier kann ich aber anmerken, dass ich die Serie bis kurz vor Vollendung des Albums gar nicht kannte und somit fällt für mich die Inspirationsquelle definitiv aus. Sceot kannte die Serie natürlich, da er doch ein ganzes Stück älter ist als ich, aber auch bei ihm wurde das Interesse an englischer Folklore etc. nicht durch die Serie geweckt. Nichtsdestotrotz finden wir beide die Umsetzung des Logos, die nicht gänzlich fassbare Qualität Hernes, des Gehörnten, sehr gelungenauch wie sie in der Serie dargestellt wird. Und, da letztlich nicht allzu viel über Herne aus den Quellen überliefert ist (man bedenke, dass er zuerst bei Shakespeare schriftlich erwähnt wird), passt die graphische Umsetzung ebenfalls. Zudem wollten wir ein 'simples' Logo, dass zur Musik passt und wir beide sind davon überzeugt, das blotan dies großartig umgesetzt hat! Wer sich einen weiteren Überblick über das Werk blotans im Logobereich verschaffen will, sollte sich diese Internetpräsenz einmal zu Gemüte führen: http://blotan.daportfolio.com/

Gab es bisher irgendwelche nennenswerte Komplikationen durch die Tatsache, dass Sceot in England beheimatet ist? Live-Auftritte werden sicherlich dadurch nicht möglich sein, oder?

Live spielen wird in der Tat schwierig, aber ausschließen möchte ich es nicht gänzlich. Sowohl Sceot als auch ich kennen viele fähige Musiker, mit denen sich Konzerte mehr als gut bestreiten lassen. Dass es organisatorisch aufwendig würde, gar keine Frage. Ansonsten gibt es nicht wirklich Problemejedenfalls nicht mehr als bei 'normalen' Bands. Sceot und ich gehen beide unseren regulären Berufen nach, die mal mehr, mal weniger Zeit beanspruchen. Für meinen Beruf ist es wiederum mehr als positiv diesen regelmäßigen Kontakt nach England zu haben und ich freue mich bereits auf ein Wiedersehen mit Sceot!

Euer Debüt-Album "Face of the Hunter" erschien letztes Jahr über das Label King Penda. Wie würdest du die gewünschte Wirkung des Albums auf den Hörer in wenigen Worten beschreiben?

Thor Wanzek, der ja den meisten Lesern auf Grund seiner langen und interessanten Arbeit mit seinem Musikmagazin und weiteren Projekten bekannt sein dürfte, hat es in seinem Review zum Album im "Hammerheart #5" ziemlich gut auf den Punkt gebracht: "[...] somit entpuppt sich das knorrig abwechslungsreiche Debut als unbequemer Gegenpart zu zahlreichen fröhlich eingängigen Pagan Metal Veröffentlichungen dieser Tage." Jedoch war für Sceot und mich zunächst einmal die Wirkung für uns persönlich wichtig. WIR wollten uns in die von uns geliebte Zeit, d.h. die Früh- und Mitt-'90er, zurückversetzt fühlen. Wenn wir dies bei einem Teil der Hörer erreichen (wie Thor feststellt: die jüngeren Hörer könnten durchaus vom Sound vor den Kopf gestoßen werden), so freut uns das, es war aber nicht unser primäres Ziel. Vielmehr sollen verschiedene Menschen Verschiedenes aus dem Album ziehen können.

Qualitativ kann sich eure Musik meiner Meinung nach auch mit etablierteren Bands des Genres messen. Dennoch wird "Herne" den wenigsten ein Begriff sein. Wie viel Wert legt ihr auf die eigene Vermarktung und könntest du dir vorstellen, irgendwann mit "Herne" auf einem größeren Label mit all den Vor- und Nachteilen, die diese mit sich bringen, zu landen?

Erst einmal vielen Dank für das Kompliment! Der Bekanntheitsgrad "Hernes" muss allerdings von mehreren Seiten betrachtet werden: King Penda ist ein recht etabliertes, wenn auch kleines, Label und hat einen festen und nicht allzu kleinen Kundenstamm in England (nicht zuletzt durch die Alben von "Symbel" und "Bretwaldas"). Hier in Deutschland sind wir nicht wirklich bekannt. Allerdings hatten wir auch bis jetzt wenig Bestreben, unsere CD an irgendwelche Print- oder Onlinezines zwecks Rezension zu schicken, da wir uns klar sind, dass wir sound- und musiktechnisch der Zeit (gewollt) hinterher sind. Da vertrauen wir lieber auf die "Mund zu Mund-Propaganda" im Internet, als dass wir CDs verschicken, die dann von Leuten rezensiert werden, die sich nicht ausführlich mit der Musik beschäftigen oder gar zu jung sind, um sich an die Zeiten von damals zu erinnern.

Das letzte Lebenszeichen deines Soloprojektes "Thulr" war das Demo "The Seafarer", das du 2009 in Eigenregie veröffentlicht hast. Zwischen "The Seafarer" und dem ersten Demo "Forsitesland" liegen wiederum 5 Jahre Schaffenspause. Welchen Stellenwert nimmt das Projekt in deinem Leben ein? Soloprojekte haben ja den Vorteil, dass sie völlig individuell ausgerichtet werden können. Wieso kommt es dennoch zu derart langen Pausen zwischen den Veröffentlichungen? Wird es in naher Zukunft etwas Neues von "Thulr" zu hören geben? Und in welche Richtung wird sich die Musik im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen unterscheiden?

Mit "Thulr" begann ich, nachdem ich nach Kiel gezogen war und bevor ich hier die Leute kennengelernt habe, mit denen ich heute befreundet bin und Musik mache. Somit dauerte es mit der ersten Veröffentlichung ein wenig. Was die Pausen zwischen "Forsitesland" und "The Seafarer" angeht, so kamen da einfach andere Dinge wie Auslandsaufenthalt, Examen etc. dazwischen. Und da ich die Musik primär für mich selbst mache, war auch kein Druck da, irgendetwas zu veröffentlichen oder dergleichen. "Thulr" hatte für mich einen besonderen Stellenwert, da es für mich das erste Mal war, Musik zu machen, wie ich sie spielen wollte. Ob es in naher Zukunft etwas von "Thulr" zu hören geben wird, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen haben wir mit drei "Eldborg"-Mitgliedern vor ein paar Jahren "Skardus" gegründet, womit wir kurz vor der zweiten Demoveröffentlichung stehen und regelmäßig proben und auch vermehrt Gigs spielen wollen. Zudem ist "Herne" dazugekommen und viele Ideen fließen jetzt einfach in diese beiden Bands, und ich bin der Meinung, dass sie dort besser aufgehoben sind und zu größerer Reife kommen können. Gänzlich aufgeben werde ich "Thulr" nicht, aber höchstwahrscheinlich wird es nur noch kleinere Veröffentlichungen geben. Das nächste, was mir vorschwebt, ist eine Veröffentlichung, die rein akustisch ausgelegt ist. Ob mit gänzlich neuen Songs oder Akustikversionen älterer "Thulr"-Songs, weiß ich aber noch nicht. Zudem wird es wohl eher unauffällig im weiteren Freundeskreis verteilt werden oder an die Leute weitergeleitet werden, die sich bereits für "Forsitesland" und/oder "The Seafarer" interessiert haben.

Die Vielfalt der Schleswig-Holsteinischen Natur hat sicherlich einen großen Einfluss auf die Musik von "Thulr". Verfolgst du eine Romantisierung der Eindrücke, vielleicht auch, um die Menschen wieder für ihre natürliche Umgebung zu sensibilisieren, oder geht es allein um die Vertonung deiner eigenen Impressionen?

Definitiv der zweite Punkt. Es sind persönliche Eindrücke, die in die Musik einfließen. So ist z. B. "Forsitesland" durch Einfluss jener Hochseeinsel entstanden, während "The Seafarer" Inspirationen meines Aufenthaltes in England verarbeitet. Ich möchte und kann mich da auch gar nicht der jeweiligen Inspirationsquelle entziehen. Wenn sich jemand durch meine Musik ermuntert fühlt, sich seiner näheren Umgebung (nicht nur in Schleswig-Holstein) zu widmen, so freut mich das natürlich, primäres Ziel ist es aber nicht.

Kannst du ein paar Worte über den Stand der Band "Eldborg" verlieren, in der du Gitarre spielst?

"Eldborg" wurde 2008 auf Eis gelegt, als Stefan (ebenfalls Gitarre) zum Studium nach Island ging. Während dieser Zeit gründeten drei von uns "Skardus". Nachdem Stefan zurückgekehrt war (inzwischen mit einem guten, neuen Soloprojekt "Árstíđir Lífsins" in der Tasche), zog unser Sänger Gerald nach Norwegen. Somit wird es wohl bei unserem Demo "Ut i det fjerne" bleiben. Letztlich waren (bzw. sind) wir fünf Freunde, die zusammen eine Band gründeten, um gemeinsame Ideen zu verwirklichenund das Resultat ist eben das besagte Demo.

Wie kam es eigentlich zu dem Kontakt zu "Folkearth"? Was hast du zu der Musik beigetragen und was sind die Intentionen des Projektes?

Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht mehr ganz sicher, wie ich mit Ruslanas in Kontakt gekommen bin. Fest steht, er fragte, ob ich Interesse hätte, Teil dieses (damals noch jungen) Projektes zu sein. Da mich die Idee, mit vielen Musikern aus verschiedenen Teilen Europas und der Welt ein Album zu erschaffen, gereizt hat, sagte ich zu und steuerte zum dritten Album einen Song bei, auf dem mich Kelly von "Hildr Valkyrie" am Gesang und den Keyboards unterstützt. Aber, ehrlich gesagt, hat das Projekt inzwischen doch einiges an Attraktivität und Anziehungskraft auf mich verloren, da es, für mich, zu stark auf Output fixiert ist und dieses gewisse Etwas inzwischen vermissen lässt. Den Grundgedanken schätze ich aber weiterhin!

Da mir keine Fragen mehr einfallen und auch nicht zu viel deiner Zeit in Anspruch nehmen möchte, bedanke ich mich herzlichst und wünsche dir alles Gute für die Zukunft.

Dir noch einmal vielen Dank für die guten Fragen und die Möglichkeit, meine Bands hier vorstellen zu dürfen! Ich wünsche Dir ebenfalls alles Gute!