Guten Abend, Nathanael! Schön, dass du dir ein wenig Zeit für dieses Interview nehmen konntest. Seit 2007 musizierst du unter dem Namen "Thränenkind" und hast dir dort einen gewissen Ruf erspielt. Heute soll es aber um dein neues Soloprojekt "Bonjour Tristesse" gehen, dessen Debüt seit kurzer Zeit auf dem Markt ist. Wieso hast du dich dazu entschlossen, das Projekt parallel zu "Thränenkind" laufen zu lassen? Wo liegen für dich die konkreten Unterschiede, durch die sich die beiden Bands nicht miteinander verbinden lassen?

Als ich die ersten Ideen zu "Bonjour Tristesse" hatte, war für mich schnell klar, dass ich das Ganze schwarzmetallischer halten wollte als "Thränenkind". Ich wollte Musik schreiben, die depressiver, düsterer und grimmiger ist als die von "Thränenkind". Bei "Thränenkind" ist mir wichtig, dass immer ein Funken Hoffnung in der Musik oder irgendwo in den Texten zu finden ist, etwas das Mut macht. Auch bewegen sich die neuen "Thränenkind" Songs teils recht weit in Richtung Post-Rock, dazu hätte die Musik von "Bonjour Tristesse" schlichtweg nicht gepasst. Bei "Bonjour Tristesse" habe ich zwar auf diesen Hoffnungsschimmer auch nicht ganz verzichtet da er meiner Meinung nach ein depressives Thema einfach bereichert und interessanter gestaltet allerdings habe ich den Fokus deutlich mehr auf Trauer, Angst, Einsamkeit, Leere, Depression und eine sterbende Welt gelegt. Auch der Gesang bei "Bonjour Tristesse" wäre so für "Thränenkind" zu krass und zu verzweifelt.

Musikalisch wirkt "Bonjour Tristesse" weniger verspielt als "Thränenkind". Zwar handelt es sich immer noch nicht um puristischen Black Metal, aber das Album wirkt dennoch deutlich pointierter. Welche Absichten hast du beim Songwriting verfolgt?

Wie gesagt, ich wollte ein Black Metal Album schreiben. Ich glaube, das ist mir auch geglückt. Ich wollte keinen aggressiven, zu suizidalen oder sanften, post-rockigen Black Metal, aber doch einen depressiven, mit vielen groovigen Doublebass-Passagen und ergreifenden Melodien und Riffs. Meine Absichten waren, sich langsam aufbauende Songs zu schreiben, welche den Hörer fesseln und durch Melodien und Geschrei in ihren Bann ziehen. Atmosphäre erzeugen war hier, wie immer wenn ich Musik mache, das oberste Ziel.

In dem Booklet stehen die Worte "Par un Sourire" (zu deutsch: "Mit einem Lächeln") vor einem tristen, urbanen Foto. Dein Projekt heißt "Bonjour Tristesse". Durch diese starken Kontraste entsteht ein fast sarkastischer Eindruck. Geht es dir um eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den tristen Alltag, um diesen mit einem Lächeln bewältigen zu können? Vielleicht könntest du ein paar Worte über das Konzept verlieren, um das Verständnis deiner Musik zu vereinfachen.

Das trifft sicher teilweise zu. Für mich hat die Umgebung von depressivem Black Metal oft mit Großstadt und ähnlichen Thematiken zu tun. In der freien Natur (sofern diese überhaupt noch irgendwo erhalten und noch nicht von Menschenhand zerstört ist) bin ich nicht traurig oder gar depressiv. Die Erde und die ursprüngliche wilde Natur sind wundervolle Orte, die es zu schützen und zu verteidigen gilt, für mich sind es Orte der Erholung und Ruhe. Was mich eher bedrückt und nachdenklich stimmt, sind menschliche Siedlungen mit ihren lebensfeindlichen Strukturen und immer gleichen Bewohnern. Zum einen muss man erst einmal begreifen, dass die Welt in der wir leben, nicht perfekt ist und durch die "Vorzüge" unserer modernen Zivilisation nicht besser wird. Sie wird schlechter. Jeden Tag. Und wenn ich durch eine Stadt gehe und in die immer selben, von blindem Konsum, Belanglosigkeit und stupidem Humor gezeichneten Gesichter sehe, dann möchte ich entweder weinen oder eben lächeln. Weinen könnte ich, weil die Menschheit ihr Potential verschenkt hat und zielstrebig auf den Abgrund zusteuert, aber gleichzeitig muss ich lachen, wenn ich mir vor Augen führe, dass diese blassen Gestalten so wenig aus ihrem Leben machen, und das noch nicht einmal bemerken. In diesem Feld aus tiefer Traurigkeit und erkennender Gleichgültigkeit bewegt sich "Bonjour Tristesse". Man muss wohl heute gezwungenermaßen "Hallo" zur Traurigkeit sagen, denn freuen kann man sich in Anbetracht der Geschehnisse, die der Mensch auf diesem Planeten initiiert, wohl selten. Ob man dabei nun weint oder sich ein Lächeln bewahrt, bleibt jedem selbst überlassen.

Ein ebenso interessantes wie für das Subgenre ungewöhnliches Motiv sind die Tauben, die das Artwork schmücken und die Möwe, die du in deinem Text verwendest. Wofür stehen diese Tiere für dich? Gerade erstere werden von den meisten Menschen ja eher als störend empfunden, du hingegen verwendest sie als Symbol der Freiheit.

Mich interessieren diese Tiere von jeher. Die absolute Unabhängigkeit der Vögel. Das Ungebundensein an irgendwelche Zwänge, die Möglichkeit, aus eigener Kraft an jeden erdenkbaren Ort zu gelangen und damit ihre Freiheit, finde ich faszinierend. Freiheit sehe ich überhaupt als für jeden Menschen und auch für Tiere als essentielles Gut, das niemandem grundlos verwehrt werden darf. Black Metal hat für mich auch etwas mit Freiheit zu tun. Das Streben nach Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen, das Ausbrechen aus der erdrückenden Last der Zivilisation oder die Befreiung aus der Knechtschaft der Religionen sind für mich wichtige Komponenten des Black Metals. Weg vom Menschsein, hin zum Tier und der Natur. Die freie Entfaltung. Das ist doch Black Metal. Somit ergibt sich für mich die logische Konsequenz, ein Symboltier für Freiheit und Ungebundenheit mit Schwarzmetall zu verbinden.

In letzter Zeit werden immer häufiger urbane Themen im Black Metal verwendet. Die naturromantische Seite wird sicherlich nicht vernachlässigt, aber immerhin gibt es im Gegensatz zu der Anfangszeit des Black Metals nun diesen Gegensatz. Wieso kam es deiner Meinung nach zu dieser Entwicklung?

Es ist für mich eine logische Entwicklung. Ich habe ja weiter oben schon erklärt, wie ich diese Thematik der Natur und der Urbanität sehe. Für mich (und sicher für viele andere Schwarzmetaller) ist die Düsternis und Dunkelheit eines Waldes oder einer tiefen Schlucht des Meeres oder einer Höhle nicht bedrohlich, sondern schön. Triste Hochhäuser, soziale Isolation und die kaputte Menschheit allerdings sind bedrückend, dunkel und hässlich. Da sich Black Metal weniger mit schönen Dingen beschäftigt, sondern viel mehr mit bedrückenden und unangenehmen Thematiken, macht für mich dieses Aufkeimen der Urbanität als Subjekt in Black Metal-Lyrics durchaus Sinn.

Wie stehst du zu dem Begriff des Post-Black Metals? Gerade von bekannten Labels wird dieses Genre ja gerne verwendet, um ihre Bands zu promoten und auch deine Musik wird häufig so betitelt. Denkst du, dass diese Welle an Bands bald wieder brechen wird?

Grundsätzlich ist es nur eine Bezeichnung für eine gewisse Spielart des Black Metals. Man sollte es also nicht überbewerten. Ich finde es allerdings ganz nützlich, solche differenzierenden Bezeichnungen zu haben, denn wenn ich irgendwo von einer Post-Black Metal Band lese, dann weiß ich - zumindest ungefähr - was mich erwartet. Ich denke, dass sich das Subgenre etabliert hat. Vielleicht wird es in einigen Jahren weniger neu gegründete Post-Black Metal Bands geben als heute, aber es wird sie auch weiterhin geben. Grundsätzlich wird die Vorsilbe "Post" im Musikbereich recht inflationär verwendet, ich empfinde allerdings einen Großteil der "Post-Bands" als interessant, aufgrund der hohen Emotionalität und Atmosphäre ihrer Musik, ganz gleich, ob es sich um Post-Black Metal, Post-Rock oder Post-Hardcore handelt. Im Endeffekt ist sowieso egal, wie etwas genannt wird. Wichtig ist das, was dahinter steht.

Wieso hast du dich dazu entschieden, die französische Sprache in dein Projekt einzubinden? Die meisten Hörer assoziieren dadurch sicherlich deine Musik mit Bands wie "Amesoeurs" und "Alcest". Ist das von dir so gewollt?

Ich empfinde sowohl den Klang als auch die Ästhetik der französischen Sprache als sehr stilvoll und reizend. Also habe ich mich für einen (für mich) wohlklingenden und auch optisch interessanten Bandnamen entschieden. Wer mich dann mit anderen französischen Bands assoziiert, kann das gerne tun, auch wenn "Bonjour Tristesse" mit den von dir genannten (sehr guten) Bands musikalisch wenig gemeinsam hat.

Songtexte wie die zu "Wieder allein" sind sicherlich eher ungewöhnlich und werden von manchen Leuten auch als störend empfunden. Dabei wirkt es auf mich ehrlich und somit authentisch. Worum geht es dir, wenn du solche autobiografisch anmutenden Texte verfasst und sie durch das Medium deiner Musik auch publizierst?

Was irgendwelche Leute als störend empfinden, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Ich mache meine Musik, wie ich es für richtig halte und verarbeite darin die Thematiken, die mich berühren. Wenn sie ungewöhnlich sind, dann finde ich es schön, denn dann erweitern sie wohl den Horizont der Hörer und des Genres. In meiner Musik bearbeite ich viele verschiedene Themen und gerade das Zwischenmenschliche übt doch, wenn man ehrlich ist, auf jeden Menschen einen gewissen Reiz aus. Ob manch einer das nun im Black Metal unpassend findet oder nicht, ist mir aber egal. Bei "Bonjour Tristesse" klingen ja durchaus auch andere Thematiken neben Depression, Angst und innerer Leere - an, wie Umweltzerstörung, Waldsterben und Ähnliches. Hier sollte sich der geneigte Schwarzmetaller also durchaus wohlfühlen.

Die folgende Frage mag vielleicht ein wenig banal klingen, ist aber vielleicht gar nicht ganz unwichtig. Wie lautet der korrekte Titel des dritten Stückes "Par un Sourire"? Während meiner Recherche bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass der Titel in seiner deutschen Übersetzung in der Tracklist erwähnt wird.

Der Track heißt korrekterweise "Par un sourire", wie auch auf der Rückseite der CD-Hülle angegeben. Ich habe einige Zeit überlegt, ob ich den deutschen Titel wählen soll, habe mich aber dann doch für die französische Variante entschieden; das sorgt wohl für Verwirrung.

Das Album wurde über das mexikanische Label Self Mutilation Services veröffentlicht, die Split zwischen "Thränenkind" und "Heretoir" über das chinesische Label Pest Productions. Woran lag es, dass deine Labelsuche in solch relativ exotischen Ländern endete?

Ich habe das "Bonjour Tristesse"-Album über Selfmutilation Services veröffentlicht, da ich mit dem Label schon in Sachen "Thränenkind" zusammengearbeitet hatte und mit ihrer Arbeit recht zufrieden war. Sollte sich ein europäisches Label als interessiert und für mich interesssant herausstellen, bin ich jederzeit für ein Gespräch zu haben.

Was verbindet dich mit der Musik von "Heretoir" und dessen Protagonisten Eklatanz? Wie kam es zu der Kooperation auf der "Wiedersehen Unsere Hoffnung" und deinen Einstieg in seine Band?

Eklatanz ist ganz einfach ein sehr guter Freund von mir. Wir kennen uns schon sehr lange und erfreuen uns eines größtenteils identischen Musikgeschmacks. "Heretoir" kenne und liebe ich schon seit den ersten Songideen. Von dem her lag es auf der Hand, ein Musikstück zusammen zu schreiben. Das war dann der Titeltrack unserer Split "Wiedersehen Unsere Hoffnung". Das Arbeiten am Song hat uns beiden soviel Freude bereitet, dass wir beschlossen haben, noch intensiver und weiter zusammen Musik zu machen. Also bin ich bei "Heretoir" eingestiegen.

Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Fokussierst du deine Arbeit auf das kommende "Thränenkind" Album oder schreibst du auch parallel dazu Songs für "Bonjour Tristesse"?

Im Moment arbeite ich verstärkt an kommenden "Thränenkind"-Releases. Ich habe Material für mindestens zwei Alben, eher drei. Diese Songs werden in nächster Zeit (und auch gerade jetzt) im Tonstudio eingespielt. Ich habe neben "Thränenkind" noch einige weitere musikalische Projekte am laufen, für die ich Songs schreibe und geschrieben habe. Da weiß ich allerdings noch nicht, wann da etwas veröffentlicht wird. Man darf also gespannt sein, was die Zukunft so bringen wird.

Da mir keine Fragen mehr einfallen, hoffe ich, dass dir das Interview gefallen hat und wünsche dir das Beste für die Zukunft. Die letzten Worte gehören dir.

Ich bedanke mich bei dir für das interessante Gespräch und bei all den Menschen, denen meine Musik etwas bedeutet.