Hallo und herzlich willkommen, Stefán!
Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für ein kleines Interview nehmt. Die Veröffentlichung eures aktuellen Albums "Aldaföðr ok munka dróttinn" kam für mich schon ein wenig überraschend, wurde 2014 doch bereits die EP "Þættir úr sögu norðrs" und 2013 eine Split mit "Helrunar" veröffentlicht. In Anbetracht eurer aufwändig arrangierten und detailverliebten Musik scheint es mir so, als hätte "Árstíðir lífsins" derzeit eine hohe Priorität, auch wenn Marsél sicherlich mindestens genauso viel Energie in "Helrunar" investiert. Empfindet ihr euer Arbeitstempo überhaupt als überdurchschnittlich hoch? Und woher kommt die kreative Energie, die dies ermöglicht?

Hallo, dank dir für deine interessanten Fragen! Unser Arbeitstempo ist sicher vergleichsweise hoch, jedoch entstehen die Songs immer über eine lange Zeit und werden gewöhnlich auch erst etwa ein Jahr nach der eigentlichen Aufnahme veröffentlicht. Wir arbeiten also konstant für die Zukunft. Jedoch sind wir auch nicht darauf bedacht, jedes Jahr eine neue Veröffentlichung in die ohnehin bereits völlig überfüllte Welt zu werfen.

Überraschend war auch, dass es sich bei "Aldaföðr ok munka dróttinn" um ein Doppelalbum handelt, oder zumindest auf zwei Tonträgern separiert wird. War dies von Anfang an geplant und steht es in konzeptionellem Zusammenhang mit der Musik oder hat die Spielzeit einfach nicht auf einen Tonträger gepasst?

Nein, die Zweiteilung der Songs war nicht von Beginn an geplant. Als aber die Komposition, insbesondere die der klassischen Instrumente, voran schritt, bemerkten wir, dass wir mit Sicherheit über die anfangs angedachten 80 Minuten kommen werden und damit die maximalen Kapazitäten der CD erreichen. Für die CD-Version war daher eine Teilung nötig, die LP wird aber wie gewohnt zwei Vinyls beinhalten.

"Aldaföðr ok munka dróttinn" widmet sich dem mittelalterlichen Island und scheint erneut auf altnordischen Quellen aufzubauen. In meiner Rezension sprach ich davon, dass es keine Notwendigkeit ist, die Sprache zu beherrschen und das philologische Vorwissen zu haben, um eure Musik zu rezipieren, allerdings täte sich dadurch bestimmt ein anderer Blickwinkel auf euer Schaffen auf. Seht ihr hier eine mögliche Ambivalenz oder versucht ihr eure Musik so zu gestalten, dass es auch möglich ist, die Geschichten ohne jene Vorkenntnisse nachvollziehen zu können?

Ganz richtig, unsere Musik kann man sicher auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse in der Altnordischen Philologie genießen. Überhaupt liegt es ganz sicher nicht in unserem Interesse, einen besonders elitären Anspruch an den Hörer zu haben. Wichtig ist es uns jedoch, dass das gesamte Paket aus Musik, Layout und Lyrics zusammen erlebt wird. Erst dann erschließt sich der komplette Eindruck, den wir vermitteln wollen. Mit anderen Worten: Die Musik, die Texte und das Layout, ergo das, was essentiell die Band ausmacht, soll als ein zusammenhängender künstlerischer Ausdruck verstanden werden.

Gibt es einen spezifischen Bereich der isländischen Geschichte, die als roter Faden auf "Aldaföðr ok munka dróttinn" fungiert? Für das komplette Mittelalter Islands reicht dann wohl nicht einmal ein Doppelalbum.

"Aldaföðr ok munka dróttinn" (Altisländisch für "Óðinn und der Gott der Mönche") beschreibt "nomen est omen" die weitestgehend friedlich verlaufende Christianisierung Islands im Jahr 999/1000. Auf weit überwiegend historischen Fakten und intensiver wissenschaftlicher Recherche beruhend, erzählt das Album die (fiktive) Geschichte zweier Brüder, die als einzige Familienmitglieder jenen Mordbrand überleben, welcher am Ende des zweiten Albums beschrieben wird. Beide Brüder werden in ihrer frühen Kindheit getrennt und wachsen in unterschiedlichen religiösen Umgebungen auf. Tief verstrickt in die eingangs erwähnte historische Grundlage entsteht eine sich mehr und mehr zuspitzende Konfrontation, die schließlich in dem gegenseitigen Brudermord im letzten Song endet.

Dass ihr englische Übersetzungen mit in den Booklets abdruckt, lässt schon darauf schließen, dass ihr den Hörer dazu motivieren wollt, sich mit den literarischen Aspekten auseinanderzusetzen, oder kann "Árstíðir lífsins" eurer Ansicht nach auch ausschließlich über den auditiven Weg funktionieren?

Natürlich funktioniert unsere Musik auch autark, jedoch erschließt sich der Kern unserer Veröffentlichungen wohl erst durch das Betrachten der Booklets und Lesen der (übersetzten) Lyrics.

Wie viel geht bei derartigen Übersetzungen überhaupt verloren?

Wir verwenden in den Lyrics eine vergleichsweise große Anzahl an skaldischen Kenningar und heiti, die in ihrer eigenen semantischen Struktur natürlich nicht immer adäquat übersetzt werden können. Nichtsdestotrotz denke ich, dass der essentielle Teil der Lyrics trotzdem auch in der englischen Übersetzung vorhanden ist.

Nun habe ich mich persönlich eher mit außereuropäischen Sprachen auseinandergesetzt und sobald man eine wissenschaftliche Herangehensweise verinnerlicht, gibt man auch bestimmte Klischees auf. Geht es auch aufgrund des Studiums und des Aufenthalts in Island ähnlich? Hat sich euer Verhältnis zu der Sprache (und natürlich auch der Geschichte) im Laufe der Zeit verändert? Und spiegelt sich dies vielleicht sogar in eurer Musik wieder?

Nein, ganz und gar nicht. Die Kernidee hinter den Lyrics, ja selbst hinter dem Layout und der Musik, ist nach wie vor genau dieselbe wie schon im Herbst 2008. Sicherlich schreiben wir heute etwas vielfältiger und schlichtweg besser, jedoch halte ich diese Entwicklung für weitaus weniger groß, als bei anderen Bands. Unser Verhältnis zum sprachlichen Ausdruck und der Musik hat sich daher nur minimal verändert.

Oft liest man davon, dass ihr Skaldenlieder in eurer Musik einbaut. Könnt ihr vielleicht einen kurzen historischen Einblick geben, worum es sich hierbei konkret handelt und an welchen Stellen man diese in eurer Musik findet?

Auf dem neuen Album finden sich vor allem Strophen des Skalden Hallfreðr vandræðaskáld aus der gleichnamigen Saga. In den Strophen beschreibt Hallfreðr insbesondere seine moralischen Probleme, die neue, christliche Religion anzuerkennen und im gleichen Moment die alte zu vergessen. In tragischen wie auch komischen Metaphern beschreibt er, ganz typisch für die Skaldik, sein Seelenleben mit weitreichender mythologischer Symbolik. Auf dem Album haben wir seine, und andere, Strophen vor allem in den mehrstimmigen Chören benutzt, da sich die altisländischen Reimschemata sehr passend (und einfach) für die Chöre übernehmen ließen.

Könnt ihr ein paar Worte über das Cover von "Aldaföðr ok munka dróttinn" und dem darauf zu sehenden Muster verlieren? Wo ist hier der Zusammenhang zu der inhaltlichen Ausrichtung des Albums zu finden?

Das Cover zeigt eine umgewandelte Form einer der beiden Bildseiten des bekannten großen Steines von Jelling/Dänemark. Dieser wurde Mitte bis Ende des 9. Jahrhunderts im Auftrag des Königs Haraldr blátönn (936/958-987) gehauen. Auf dem Motiv ist der gekreuzigte, aber siegreiche Christus mittig zu sehen, umrahmt von heidnischer Symbolik, allem voran dargestellt durch etliche Schlangen(-muster) und weiterer Tier-Ornamentik. Die Runenseite des Steins erwähnt unter anderem, dass Haraldr ganz Dänemark und Norwegen unterwarf und Dänemark christianisierte. Eine politische wie religiöse Botschaft also. Wenn auch der historische Bezug zu Dänemark und Haraldr auf dem Album natürlich nicht gegeben ist, so symbolisiert das Motiv sehr passend die vielschichtige machtpolitische wie inter-religiöse Situation, in welcher sich die Gesellschaft Islands (wie auch Norwegens) im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert befand. Der Albumtitel gibt dies ebenso passend wieder.

Wenn man mich bitten würde, eure Musik zu charakterisieren, würde ich sagen, dass das Erzählen von Geschichten für mich der wesentlichste Aspekt von "Árstíðir lífsins" ist. Das fängt bereits bei der optischen Präsentation an (die Digi- und Art-Books ähneln naturgemäß Büchern), zieht sich aber natürlich vor allem durch euer musikalisches Schaffen. Zwar sind es in erster Linie schwer zu definierende Stimmungen und Assoziationen, die sich beim Hören entwickeln, doch sind diese in eurem Fall äußerst bildhaft und ungewöhnlich differenziert. Ist diese Wirkung von euch gewollt oder geht es euch letztendlich doch eher um andere Dinge?

Nein, du hast mit deiner Beschreibung schon völlig Recht. Es sind vor allem die erzählerischen Elemente, die für uns von besonderer Bedeutung sind. Dabei spielen, wie bereits erwähnt, nicht nur die Musik und die Erzählerstimme entscheidende Rollen, sondern eben auch das (album-übergreifende) Layout, die verwendete Víking-Kunst (in den Miniaturen im Fließtext sind überwiegend Schlangenmotive, aber nur ein Christus-Motiv benutzt worden), sowie natürlich auch die Texte.

Wenn ich an die Veröffentlichung von "Jötunheima dolgferð" zurückdenke, erinnere ich mich an äußerst euphorische Reaktionen der Presse und Hörerschaft. Natürlich werden eure Veröffentlichungen immer noch überdurchschnittlich gut aufgenommen, der "Überraschungseffekt", den nur ein Debütalbum innehaben kann, ist aber natürlich nicht mehr gegeben. Was bei Bands im Allgemeinen daraufhin im besten Fall folgt, ist das Eintreten eines Reifeprozesses, der dafür sorgt, dass Überraschungen gar nicht mehr notwendig sind. Aus meiner Sicht ist dies in eurem Fall geglückt, eure Musik klingt erwachsen, strukturiert und selbstbewusst. Aber wie geht es euch dabei, auf die Geschichte der Band und deren Entwicklung zurückzublicken?

Wir sind sehr zufrieden mit der bisherigen Entwicklung der Band. Zwar war es für alle Beteiligten sehr, sehr schade, dass Georg sich im Frühjahr 2013 dazu entschied, die Band zu verlassen. Jedoch haben wir vorher, wie auch danach kontinuierlich an der Musik und überhaupt der ganzen Band gearbeitet und immer wieder Dinge verändert und hinzugefügt. Ob diese Veränderungen nun von der Außenwelt wirklich wahrgenommen werden, ist uns ehrlich geschrieben weitaus weniger wichtig als das Endergebnis einer neuen Veröffentlichung.

In Bezug auf den genannten Reifeprozess ist es auch nicht verwunderlich, dass ihr an der grundlegenden Herangehensweise festgehalten habt und die Mischung von (Black) Metal und Folk weiterhin der musikalische Leitfaden ist. Wo seht ihr die großen Unterschiede zwischen "Aldaföðr ok munka dróttinn" und euren früheren Werken? Und werdet ihr vielleicht doch einmal größere Experimente wagen?

Mit dem neuen Album haben wir bereits sehr viel mehr Gewicht auf die choralen Elemente gelegt und die klassischen Arrangements von Árni viel mehr eingebunden, als es noch auf dem zweiten Album der Fall war. Größere Experimente kommen bei uns wahrscheinlich nie aus dem Nichts. Wir entwickeln uns aber auch stetig weiter.

Wie steht ihr zu der modernen Auffassung des Heidentums und deren künstlerische Umsetzung in der heutigen Musiklandschaft? Ich gehe mal davon aus, dass sich auch hier das Auseinandersetzen mit der Historie auf euer Verständnis auswirkt.

Ich möchte hier nur ungerne eine Wertung abgeben. Jedoch schätze ich heute wie früher eher Bands wie "Enslaved", "Primordial", "Wardruna" oder "Helheim", die sich intensiv und wohlüberlegt mit (heidnischer) Kultur und (soweit denn vorhanden) Literatur auseinandersetzen und musikalisch ansprechend vertonen.

Wie steht es eigentlich um die aktuelle Musiklandschaft Islands? Eine Zeit lang assoziierte man wohl vor allem populäre Künstler wie Björk und Sigur Rós mit dem Land, in letzter Zeit liest man aber häufiger von Bands, Solo-Projekten und kleineren Festivals.

Ich werde hier wahrscheinlich schlecht einen umfassenden Überblick über die derzeitige musikalische Landschaft Islands bieten können. In Bezug auf Black Metal hat aber besonders der Dunstkreis um "Svartidauði" und "Sinmara" in letzter Zeit größeres Aufsehen erregt. Genannt werden sollten wohl "Gone Postal" (nun: "Shrine"), "Misþyrming", "Abominor" und "Naðra". Ebenfalls wichtig sind ohne Frage "Wormlust" und "Rebirth Of Nefast". Wer Interesse an (überwiegend) isländischem Underground Black Metal hat, sollte vor allem das Tape-Label Vánagandr im Auge behalten: http://algleymi.blogspot.co.uk/

Könnt ihr vielleicht für die reisefreudigen Leser ein paar Ecken und Landschaften Islands empfehlen? Und wie würdet ihr die Landschaft Islands in wenigen Worten beschreiben?

Island ist für sich eine sehr, sehr vielschichtige Insel, die nur schlecht mit etwa der bekannten Ringstraße auf einmal erkundet werden kann. Ich empfehle daher getrennt voneinander die komplette Halbinsel Snæfellsnes, die gesamten Westfjorde und den Süden inkl. der grandiosen Þórsmörk.
Landschaft: Ursprünglich, jung, in vielerlei Hinsicht aktiv und arktisch geformt.

Ich möchte die Gelegenheit gerne nutzen und euch nach dem aktuellen Stand der Dinge eurer anderen Bands und Projekte zu erkundigen. Während "Helrunar" mit dem kommenden Album "Niederkunfft" gerade recht präsent ist, hat man doch lange nichts von "Kerbenok" und "Skendöd" gehört. Und "Carpe Noctem" gibt es ja auch noch.

"Kerbenok" haben bereits 2010 ein komplettes neues Album aufgenommen, welches mittlerweile durch die Hilfe von Marcel auch Vocals (oder eher eine Erzählerstimme) erhalten hat. Da ich jedoch durch meinen vor kurzen vollzogenen Wohnortwechsel nach Aberdeen/Schottland keinerlei Bezüge mehr zu den Mix- und Masterangelegenheiten der Aufnahmen habe, kann ich leider auch keine näheren Auskünfte mehr darüber geben. Bei Interesse solltest du daher Christopher, die andere Hälfte von "Kerbenok", fragen. "Skendöd" haben ebenfalls vor etlichen Jahren ein mehr oder weniger komplettes Album aufgenommen, jedoch haben Árni und Ulf es nie geschafft, dieses fertig zu stellen. "Carpe Noctem" wiederum sind durch studien- und allgemein wohnortbedingte Auslandsaufenthalte in den letzten Monaten vergleichsweise ruhig geworden. Jedoch sind auch diese nicht untätig gewesen und werden mit Sicherheit bald wieder von sich hören lassen.

Und um noch ein wenig nostalgisch zu werden: Wart ihr vielleicht in Bands involviert, die heute nicht mehr aktiv sind, bei denen sich eurer Meinung nach aber dennoch das Reinhören lohnen würde? Das "Eldborg"-Tape findet beispielsweise noch recht häufig seinen Weg in mein Tapedeck.

Es freut mich sehr zu lesen, dass dir das Tape von "Eldborg" gefällt! Ich sollte an dieser Stelle wohl folgende Bands und Projekte nennen, in welchen Kern- oder Nicht-Kernmitglieder der Band (live) spielen oder spielten:
"NYIÞ": http://thereisnoreasonforanyofthistohavehappened.bandcamp.com
"Misþyrming": http://misthyrming.bandcamp.com/releases
"Naðra": http://nadra.bandcamp.com
"About Fading": https://www.facebook.com/aboutfading
"YRA": http://yyrraa.bandcamp.com/releases
Außerdem sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass Marcel, Árni und ich im Sommer 2014 ein komplettes, weitestgehend von Marcel komponiertes Album für "Wöljager" aufgenommen haben. Diese stimmungsvolle Darkfolk-Band vertont plattdeutsche Lyrik von Marcel und ist mittlerweile bei Auerbach/Prophecy Productions untergekommen. Erscheinen wird das erste Album namens "Van't Liewen un Stiäwen" wahrscheinlich noch im Sommer 2015. Einen ersten Song gibt es hier zu hören: https://www.youtube.com/watch?v=eAwA4OzEdwo

Auch wenn es vermutlich noch zu früh ist, ist es doch obligatorisch, nach künftigen Projekten zu fragen. Gibt es in Bezug auf "Árstíðir lífsins" schon spruchreife Ideen für die kommende Zeit?

Wir haben bereits weitestgehend eine neue EP mit (angedachten) 40-45 Minuten Spielzeit aufgenommen. Diese wird aus zwei langen Songs bestehen, den Titel "Heljarkviða" tragen und wahrscheinlich noch 2015 via Ván Records veröffentlicht werden.

Ich bin nun am Ende meiner Fragen angekommen. Vielen Dank für eure Mühe und Zeit! Ich wünsche euch alles Gute für eure künstlerische und private Zukunft. Die letzten Worte gehören euch.

Vielen Dank für das Interview.